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... von massvoll bis masslos

Bild und Geschichte 30



Im Eril, in der Alpe, hing sie nach dem Eingang links an Wand, und ich war immer fasziniert von dieser Waage: auf einer Seite am langen Ende hing ein kleines Gewicht und auf der anderen Seite hing ein bis 20 Kilo schwerer Kessel. Diese Faszination ist mir dann zum Teil vergangen, als ich in der Physik beim Hebelgesetz die Dezimalwaage berechnen musste – eine gefürchtete Prüfungsfrage! Jede Kuh wurde gemolken und dann das Ergebnis gewogen, das Resultat wurde fein säuberlich in Kilo im Milchbüchlein eingetragen. Wenn ich aber in der Sennerei mit dem Kessel Milch holen musste, gab man mir zwei Liter. Ja was jetzt, Liter oder Kilo – zur Faszination kam auch noch Erstaunen*.

1875 schloss die Schweiz mit 17 anderen Staaten, darunter ihren Nachbarn, die Meterkonvention in Paris und verpflichtete sich auf die internationalen Masseinheiten. Seither gilt auch bei uns das Dezimalsystem, also das Kilo, der Liter und der Meter. Offiziell und notariell wurde seither mit diesen Massen gerechnet, aber alte Masse blieben noch lange volksläufig; sie waren bekannt und gewohnt, hatten aber den Nachteil, dass sie sehr uneinheitlich waren, manchmal von Ort zu Ort verschieden. Heu oder Boden wurde weiterhin in «Chlafter» gemessen (ca. 1.80 m), Distanzen in Wegstunden (4.8 km), das Brot wurde weiterhin in «Pfund» gekauft, der «Zäntner» war 50 Kilo – halt! Zentner kommt vom lateinischen Centum = 100, wie gibt das denn 50, da hatte ich lange ein Durcheinander: ist jetzt ein Zentner 50 oder 100 Kilo, die Antwort war einfach: ein Zentner sind 100 Pfund und 100 Kilo wiegt ein «Doppilzäntner» – einfach, oder? Eine beliebte Mengenangabe war das «Dutzunt» (12 Stück), die Schreibfedern hat mein Vater gleich im «Grooss» (144) gekauft und dann mir wieder ein Halbes Dutzend abgegeben, wenn mir beim Schreiben mit Feder und Tinte bei meinen «kräftigen» Abstrichen immer wieder Mal eine Spitze abbrach. Beim Holz sprachen wir von «Steer» (1 Kubikmeter) und vom Boden von «Aare» (100 Quadratmeter) oder «Hektaare» (10'000), von Hektaren zwar selten, den niemand besasst soviel Boden an einem Stück! Geheimnisvolle Masse waren das «Riess», ein Papiermass (heute 500 Bogen à 80g) in dem Vater immer die Bogen für seine Schüler kaufte und das «Fischji» (Fischel) mit dem das Korn gemessen wurde – ein zylinderförmiges Hohlmass aus Holz von 10 bis 30 Liter, das «Briger Fischji» hatte einen Durchmesser von 33.5 cm und eine Höhe von 17cm und fasste ca. 15 Liter.

Neben diesen genauen Massen gab es aber noch eine Menge von subjektiven Mengenangaben nach dem Motto: «Handglenk maal Pii!». Für feste Mengen gab es z.B. «an Mängi» (in Form und Grösse unbestimmt), «an Hüffo» (rund, kegelförmig), «an Pätsch» (eher flach), «an Raggletta» (viele einzelne durcheinanderwuselnde Teile, z.B. junge Katzen) und «an Schuppo» (einfach viele: Kühe, Käse, Kunden…). Noch mehr Bezeichnungen gab es für Flüssigkeiten, für stille Mengen z.B. «an Gilla» (ziemlich grosse Menge, z.B. eine Pfütze), «an Schluck» (diese Menge war entschieden nicht bei allen gleich gross!) «an Nässi» (einfach nur feucht); bei fliessenden Mengen (vor allem Wasser) gab es «du Schwall», «an Flüet», «as Ziisi» oder halt nur «an Traana» (eine Träne).

Ein recht bekanntes Mass war im Volksmund auch die «Chüehütt»: «Was deer zämuliigt, geit uff kchei Chüehütt!»

Das Mass meiner Freunde für meine Intelligenz war dagegen sehr präzise: «An Göüch wie as Hiischi und no an Turo greesser». Was solls, wer solche Freunde hat, brauch keine Feinde!

Bürchen, 1. Mai 20

*Die Milchleistung einer Kuh wird noch heute in Kilogramm angegeben, Bier zählt man in Hektoliter, der Boden in Hektaren!?

Bildquelle: Römer- oder Steelyardwaage

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