Die Zweiteilung des Walliserdialektss

Wenn eine Deutschschweizer etwas typisch schweizerisches nennen möchte, kommt mit Sicherheit das berühmte “Chuchichäschtli”, es enthält das typisch schweizerische “k>ch”, eines der markantesten Elemente des Schweizerdeutschen. Analog dazu nennt der Walliser immer den Zungenbrecher “An Tschiffretta Pägglete di Tschuglette ambritreellu”. Auch dieser Spruch enthält ein wesentliches Element des Walliserdeutsche: die Eigenwörter, das sind Wörter, die wir nur im Walliserdeutschen finden, in diesem Spruch treffen wir gleich mit: Tschiffra (Rückentragkorb), Pägglette (Holzschnitze), Tschuglette (Geröll, Felshang), ambri (hinunter) auf mehrere solcher Beispiele. Doch zeigt dieser für das Walliserdeutsche ‘typische’ Spruch auch gleich, dass das Walliserdeutsche alles ander als einheitlich ist, denn gerade das Wort Tschiffra kommt eben nicht überall vor, im Lötschental heisst es Riggchorb und in Zermatt Rigguchorb. Nicht nur bei den Eigenwörter sonder auch bei den Lautlichen Merkmalen können wir die Vielseitigkeit des Walliserdeutschen feststellen. Im Fogenden möchte ich nun aufzeigen, wie diese Vielseitigkeit entstanden ist und wie sie sich in der Oberwalliser Sprachlandschaft zeigt. Das Hauptphänomen ist die Zweiteilung “liwwe – hirme” vgl. Rübel, S. 137

Quelle: Fiebicher, Bd. 1, S. 117

Habe ich oben versucht, das Walliserdeutsche wenigstens ganz grob zu charakterisieren, versuche ich nun im Folgenden die dialektischen Unterschiede und die Vielseitigkeiten des Walliserdeutschen darzustellen. Wichtig ist nochmals: Die obgenannten Merkmale gelten selten für das ganze Oberwallis und zum Teil nicht nur für das Oberwallis. Die folgende Karte geht auf die wichtigsten Unterschiede ein:
Die hier aufgeführten Hauptunterschiede sind auch von einem ungeschulten Ohr leicht zu hören und lassen die ungefähre Herkunft des Sprechenden feststellen; sie zeigen aber auch, wie un­einheitlich das Walliserdeutsche eigentlich ist. In diesem Punkte entstehen auch immer die heftigsten Diskussionen um die richtige oder falsche Aussprache - dabei geht es beim Dialekt nie um richtig oder falsch, sondern immer nur um die Frage: Wie sagt man bei uns?

Alle diese markanten Grenzen laufen von Norden nach Süden und teilen damit das Oberwallis in eine östliche (Chääs) und eine westliche (Chees) Hälfte .

Alle diese markanten Grenzen laufen von Norden nach Süden und teilen damit das Oberwallis in eine östliche (Chääs) und eine westliche (Chees) Hälfte .

vgl. Zweiteilung des Walliserdialekts:

  • Die markanteste Grenze zwischen «ee» und «ää»  in langen Silben verläuft zwischen Ausserberg und Eggerberg, westlich Baltschieder durch Visp und östlich des Saastales: schweer - schwäär (schwer). Das Interessante an dieser Grenze ist die Tatsache, dass bis vor wenigen Jahren dies auch die traditionelle Grenze zwischen Fleck- (Simmentaler) und Braunvieh war: aus der Milch einer gescheckten Kuh machte man also Chees, aus der Milch einer braunen Kuh entstand Chääs (Käse). Weitere Beispiele sind: Scheeri - Schääri (Schere) meeiju - määiju (mähen) dreeiju - drääiju (drehen). Wir Kinder (Ausserberg) neckten unsere Mutter (Baltschieder) immer mit dem Sprüchlein: ... mit der Schääri an de Zääwe der Chääs chratzu (Neckspruch zur unterschiedlichen Lautung: ... mit der Schere an den Zehen den Käse kratzen).

  • Etwas weiter östlich treffen wir auf genau das umgekehrte Phänomen mit «ä» und «e» in kurzen Silben. Die Grenze verläuft östlich von Brig: pchännu - pchenne.

  • Zusätzlich erleben wir hier die oben erwähnte Abschwächung der vollen Nebensilbenvokale auf «e»; diese Abschwächung verläuft von Westen nach Osten: heisst es z. B. in Turtmann gigangu, sagt man in Visp ggangu, in Brig ggangä und im Goms dann gange (gegangen).

  • Die sogenannte Gommergrenze (obwohl auch Teile Östlich Rarons dazugehören) ist die Grenze zwischen iisch und insch; an diesem bi insch im Goms erkennt man sofort die Herkunft östlich von Brig.

  • Eine weitere markante Grenze bildet die unterschiedliche Aussprache des Personalpronomens «du»; wird es westlich der Linie Eggerberg – Baltschieder - Visp und den Vispertäler mit einem kurzen, oft nasalem du  gesprochen, tönt es östlich lang und hell «üü» düü.

Sprachlandschaft im Oberwallis

Zu dieser Zweiteilung sagt Rudolf HOTZENKÖCHERLE in: Die Sprachlandschaften der deutschen Schweiz, auf Seite 177: “Auf die Zweiteilung als einen sprachgeographischen Grundzug des deutschsprachigen Wallis hat schon BoHNENBERGER bei der Besprechung einiger lautlicher Erscheinungen hingewiesen; (…) Eine wesentliche Erweiterung und Vertiefung unserer diesbezüglichen Kenntnisse verdanken  wir der Darstellung von H. U. RÜBEL, dessen einschlägige Karte die Zweiteilung an Einzelfakten aus Lautlehre, Formenlehre und Wortschatz veranschaulicht. Genau betrachtet, wäre eigentlich von einer dreifachen Stufung zu sprechen: Zwischen zwei in sich geschlossenen, in allen oder doch den meisten einschlägigen Kriterien scharf gegensätzlichen Landschaften steht  eine  Übergangslandschaft  mit  wechselnder  Teilhabe an den Kriterien der Extremlandschaften.  Die  eine  der  beiden  Extremlandschaften erstreckt sich von Lax rhone-aufwärts bis nach Oberwald; sie ist praktisch mit der obersten Talstufe des Wallis, dem Goms, identisch; die andere Extrem­ Landschaft umfaßt im groben das Rhonetal von Visp abwärts bis zur deutsch­ französischen Sprachgrenze; die dazwischenliegenden Ortschaften von Mund bis Betten verhalten  sich von Fall zu Fall verschieden; das gilt auch für die Vispertäler  und z. T. für das Lötschental.”

 

Also drängt sich für das Oberwallis nach Hotzenköcherle 5 Sprachlandschaften auf, die wie folgt definiert warden können:

 

  1. Goms und Teile von Östlich Raron: es ist die extreme Variante der östlichen Gruppe des Walliserdeutschen, von Osten besiedelt, pflegt man hier das Braunvieh und produzier mit dessen Milch “Chääs”, man sagt “düü, hirme, pchenne” und vor allem das markante Gommer Erkennungszeichen insch; die Vor- und Nachsilbenvokale sind zu “e” abgeschwächt oder verschwinden ganz: “ggange”(gegangen), “prunge” (gebracht); ein weiteres markrantes Merkmal ist das sehr weiche, vorne im Mund gesprochene “ch” im In- und Auslaut > “MilX’” (Milch), dieses “ch” wird im Verlaufe der Reise nach Westen immer weiter nach hinten rutschen. Eine lautliche Insel bildet die Vokalisierung des “l” im Raume Bellwald > Beuwald.

  2. Von Mörel bis Visp: der wesentlichste Unterschied zum Goms ist der Wechsel von “insch” zur “iisch”, ansonsten bleiben die Eigenheiten, wie sie oben aufgezeigt wurden vorhanden nur dass die Vor- und Nachsilben etwas stärker betont werden, in Brig z.B. endet man auf einem “noblen” “ä” > “bringä” (bringen). Das “ch” wird sowohl in In- als auch Auslaut etwas rauher gesprochen, es rutscht von der dental-labialen zur palatalen Zone.

  3. Das Vispertal: Gemeinsam ist dem Vispertal das Fleckvieh, mit dessen Milch hier nun «Chees» prduziert wind, sie sagen im Gegensatz zum Goms «kchännu, liwwe» aber immer noch «düü», ansonsten teilt Hotzenköcherle das Vispertal in eine Sprachlandschaft ein, aber die Unterschiede zwischen Zermatt und Saas sind so gross, dass ich mich in der Grafik für mit dem eindeutig unterscheidenden Merkmal der Nichtverdoppelung von Liquiden und Nasalen; «Ds Saas triibt d Chelu wägg, wenn d Sunu nit schiint". (Der Saaser wirft die Kelle weg, wenn die Sonne nicht scheint.) d.h. «ll, mm, nn» werden zu «l = Chelu, m = Sumer, n = Sunu». Zum Saaser gehört dann auch noch eine unorthodoxe Syntax und eine unnachahmliche Sprachmelodie. Im Mattertal zeichnet sich vor allem Zermatt durch sein überoffenes «a» «Zermààt», denn im übrigen Oberwallis wird das «a» sehr dunkel ausgesprochen, meist fast als «o» (Beispiel)

  4. Lötschental: spöttisch wird das Lötschental oft als eigener Kanton bezeichnet «Dr Kantn Leetschn», es sind nicht nur der Charakter der Einwohner oder die Abgeschlossenheit des Tales, sondern vor allem die sprachlichen Eigenheiten, die diesem Umstand gedankt sind. Im Lötschental wir «ch» zu «h» z.B. triihn (triichu, trinken), brüühn (brüüchu, brauchen), Baih (Bäich, Bank) und das «e» der Endsilben verschwindet ganz z.B. bringn (bringu, bringen), Trachtngruppn (Trachtugruppa, Trachtengruppe). Ansonsten pflegen die Lötscher ihr Fleckvieh und produzieren «Chees», sagen sogar dem Pfarrer «du» und unter der Arbeit wird «gliwet». (Hörprobe)

  5. Von Visp bis an die französische Sprachgrenze: (extreme Variante der westlichen Grupp «liwwu») Neben der manchmal sehr hart gesprochenen «du», das zusätzlich im nach Westen immer mehr nasaliert wird, werden die Nebensilbenvokale in «althochdeutscher» Art betont: «gigangu (gegangen), der Maano» und rutscht das «ch» noch weiter nach hinten zum Velum; so richtig lässt man es krachen, dass man sehr oft mit den Flamen oder Holländer verwechselt wird. Die Milch des Fleckviehs gibt natürlich «Chees» (die meisten haben heute Eringer Ringkühe, aber die hält man ja nicht der Milch wegen) und man «kchännt» auch hier das erholsame «Liwwu». Besonders lautlich faszinieren tönt das Walliserdeutsche an den «Gnooggerbäärgu» (Erschmat, Bratsch, Guttet, Feschel). Leukerbad und sein Umfeld haben wieder Eigenheiten: einmal das offene «a», schon fast Bühnendeutsch «Bàadu = Leukerbad» und dann vor allem das Verschieben des «w» zu «b» = «Löübinuverbüübige» (Lowwinuverbuwwige, Lawinenverbauungen). In Leuk - Salgesch merkt man dann schon die Sprachgrenze, einerseits werden französische Wörter im Alltagssprachgebrauch eingeschleust: «Gang holl mer grad im Watüür der Siso!» Geh, hohl mir im Auto (voiture) die Schere (ciceaux); andererseits werden auch hier, wie an vielen heutigen oder ehemaligen Sprachgrenzen (Freiburg, Biel, Berlin) Dativ und Akkusativ verwechselt: «Willt an Chlapf zum Grind?» Willst du eine Ohrfeige (Klaps) an den Kopf?

Lokale Eigenheiten 

Der ch-Laut wird im westlichen Oberwallis sehr rauh und krachend gesprochen - palatal bis velar (aus diesem Grunde werden wir von Deutschen oft mit den Holländern verwechselt - wir Walliser lassen das «ch» ähnlich krachen wie die Niederländer oder Flamen); weiter nach Osten wird dieser Laut zunächst im Anlaut und später auch im Auslaut weicher: Kchuchchi zu Chu[c]hi.

  • In Bellwald wird das «l» wie im Berndeutschen zu «u» vokalisiert; der Bellwalder sagt also Beuwaud (Bellwald);

  • die Simpeler (Simplon Dorf) fallen durch die Diphthongierung von «u/ü» auf und sagen dui, Muis (du, Maus);

  • die Saaser (Saastal mit Saas Fee, Almagell, Grund, Balen) verdoppeln, neben ihrer urtümlichen Sprechmelodie und neben ihrer manchmal unorthodoxen Wortstellung die Laute «l, m, n» zwischen Vokalen nicht: Wennt Sunu nitschiint, triibi Hamer und Chelu wägg! (Wenn die Sonne nicht scheint, werfe ich Hammer und Kelle weg).

  • Bei den Zermattern (und weniger stark auch bei den Leukerbadnern) tönt das «a» so hell und offen, wie man es sich eigentlich von der deutschen Bühnensprache her gewohnt ist. Im übrigen Oberwallis wird es sehr dumpf und dunkel (geschlossen) gesprochen, so dass es schon fast wie das hochdeutsche «o» tönt.

  • Markante Eigenheiten hat auch das Lötschental. Es grenzt sich sprachlich in einigen Bereichen so stark ab, dass man spöttischer weise manchmal auch vom Kantn Leetschn (Kanton Lötschen) spricht. Einerseits werden die Endungen auf «u/e» (-en) wie im Hochdeutschen mit «n» gesprochen, aber das «e» wird soweit abgeschwächt, dass praktisch nur noch das «n» (vokalisiertes «n») übrig bleibt, also Leetschn, bringn, loiffn (Lötschen, bringen, laufen). Andererseits wird das hochdeutsche «nk», das im Walliserdeutschen «ch» gesprochen wird, zu «h», also triihn (trinken).

  • Im Raume Raron-Turtmann werden die vollen Nebensilbenvokale im Auslaut sehr stark durch die Nase gesprochen (nasaliert): Turtman, bringun (Turtmann, bringen).

  • Ein letztes Phänomen, das ich hier aufzeigen möchte, ist die Verschiebung von «w» zu «b» in den Leukerbergen (Erschmatt, Bratsch, Guttet, Feschel) und in Leukerbad: Löübinuverbüübige statt Löwwinnuverbuwwige (Lawinenverbauungen).

Hier finden Sie einen Anleitung zur Schreibung der Walserdialekte Hörprobe

Wer mehr wissen möchte

  • Bohnenberger, Karl: Die Mundart der deutschen Walliser im Heimattal und in den Aussenorten. Schweizerdeutschen Grammatik, Bd. VI), Frauenfeld 1913.

  • Carlen, Albert: Walliser Deutsch. Sonderabdruck aus der "Schweizer Schule", Jg. 33, 1946, Nr. 6

  • dtv-Atlas zur deutschen Sprache. Tafeln und Texte. dtv, München, 1978

  • Hotzenköcherle, Rudolf-. Die Sprachlandschaften der deutschen Schweiz. Verlag Sauerländer, Aarau, 1984

  • Schmid, Volmar: Kleines Walliser Wörterbuch. Gebäude. Wir Walser, Brig, 2001

  • Sprachatlas der Deutschen Schweiz. Herausgegeben von: HOTZENKÖCHERLE, fortgeführt von Robert Schläpfer, Rudolf Trüeb und Paul Zinsli, Bd. I-VII, Francke Verlag, Bern,1962-1993.

  • Werlen, Iwar; Verena Tunger; Ursula Frei: Der zweisprachige Kanton Wallis. Rotten-Verlag, Visp, 2010

  • Zinsli, Paul: Walser Volkstum. 7. ergänzte Auflage, Verlag Bündner Monatsblatt, Chur, 20

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