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Das Walliserdeutsche

Deutsche Mundarten

Auch wenn dir, geschätzter Leser, die Sprache, die du im Oberwallis hörst, wie ein unverständliches Flämisch vorkommt: Es ist Deutsch, ein urtümliches und für viele schwer verständliches Deutsch - es ist das Walliserdeutsche oder wenigstens ein Teil davon. Diese Sprache in einigen, wenigen Worten zu erklären, ist ein fast unlösbares Vorhaben; ich beschränke mich also auf eine möglichst geraffte Zusammenfassung und verweise in der Fussnote auf weiterführende Literatur.

Das Walliserdeutsche gehört zum Schweizerdeutschen, das seinerseits wieder zum hochalemannischen Sprachraum und damit zum Hochdeutschen gehört. Vom Hochdeutschen unterscheidet sich einerseits das Schweizerdeutsche durch lautliche Merkmale, die auf einem unterschiedlichen Übergang vom Mittel- zum Hochdeutschen beruhen und anderseits vom Walliserdeutschen, das einen Teil dieser Lautänderungen gar nicht mitmachte und deshalb teilweise bei charakteristischen Lautmerkmalen im Alt- und Mittelhochdeutschen verharrt.

Das Schweizerdeutsche

Die wichtigsten Merkmale, die das Schweizerdeutsche vom Hochdeutschen unterscheiden, sind neben Eigenwörtern wie z. B. Scheiche die folgenden lautlichen Merkmale:

  • Die neuhochdeutsche Diphthongierung (aus einem Laut «a» werden zwei «au») vor Konsonanten (Mitlaut) findet im Schweizerdeutschen nicht statt, z.B. statt neuhochdeutsch Haus, Feuer, Reis, bleibt im Schweizerdeutschen Huus, Füür, Riis.

  • Umgekehrt macht das Schweizerdeutsche die neuhochdeutsche Monophthongierung (aus zwei Lauten «ue» wird einer «u») nicht mit, das neuhochdeutsche Bruder, Dieb (ü gespro­chen), bleibt bei Brueder, Dieb (i+e gesprochen).

  • Die neuhochdeutsche Dehnung der Silben, die auf einem Vokal enden, macht das Schweizerdeutsche nicht mit: Nabel (Naabel), ohne (oone), bleibt bei Nabel, one. - Dagegen verschiebt das Schweizerdeutsche im Gegensatz zum Neuhochdeutschen das «k» im «Anlaut» und nach «1» und «rk» zu «ch» (dies gilt nicht für Basel und Chur); aus den neuhochdeutschen Kind, Kuchen, Volk, Küchenkasten wird schweizerdeutsch Chind, Chueche, Volch und das berühmte Chuchichäschtli.

Auf grammatikalische und phonetische Eigenheiten des Schweizerdeutschen möchte ich hier nicht näher eingehen, möchte aber betonen, dass die oben aufgeführten Merkmale in dem Raum, in dem hochalemannisch gesprochen wird (Schwaben, Vorarlberg, Liechtenstein, Schweiz), nicht einheitlich vorkommen und es kein Merkmal gibt, bei dem man jetzt endgültig und eindeutig sagen kann. Das ist jetzt typisch schweizerdeutsch: Es bleibt eine Vielfalt mit gewaltigen Unterschieden.

vgl.

Dialekte der deutschen Schweiz ,

Sammlung Schweizerdeutscher Dialektwörter

Mundarten in der Schweiz

Schweizer Sprache

Das Walliserdeutsche

Diese Schlussbemerkungen zum Schweizerdeutschen gelten in ge­nau gleicher Form auch für das Walliserdeutsche. Es gibt eigentlich kein Merkmal, das nur im Wallis, ausschliesslich und überall im Wallis, vorkommt. Es gibt aber trotzdem ein paar Merkmale, mit denen man das Walliserdeutsche wenigstens in groben Zügen charakterisieren kann. Neben typischen Eigenwörtern wie Giretsch (Eberesche), Lattüechji oder Häärleischu (Eidechse), Hopschol (Frosch), Heimina (Guter Heinrich) Straffil, Straffol, Hewwstraffil (Heuschrecke), Figfoltra, Pfiiffoltra (Schmetterling), Strälla (Striegel), Hienerleiber, Jüpini oderRuscheling (Alpenrose), etc. gibt es ein paar lautliche Merkmale:

Lautliche Merkmale

Das verbreiteste Merkmal ist die Verschiebung von «s» zu «sch»; im Neuhochdeutschen verschiebt sich das urdeutsche «s» im Anlaut zu «sch», z. B. mittelhochdeutsch slafen wird zu schlafen; das Schweizerdeutsche verschiebt es nun zusätzlich vor «t» und «p», z.B. Geist zu Geischt, Visp zu Vischp. Im Walliserdeutschen geht die Entwicklung noch weiter, hier wird jedes urdeutsche «s» zu «sch», wenn in der vorangehenden oder nachfolgenden Silbe ein «i» vorkommt: sie (althochdeutsch siu) zu schii, seines (mittelhochdeutsch sin) zu schiis, Haus (althochdeutsch husir) zu Hiischer.

 Recht auffällig sind besonders die Aufhellung und die Entrundung von Vokalen:

  • Die dunklen Vokale «o» und «u» werden im Walliserdeutschen aufgehellt, d. h. sie werden nicht wie im übrigen Schweizerdeutschen so weit hinten in der Kehle geformt, sondern weiter vorne am Mundhimmel gebildet; dabei werden daraus die Umlaute «ö» und «ü»: aus schweizerdeutsch Huus, Boum, Muot, Uussicht, guet, Puur, (Haus, Baum, Mut, Aussicht, gut, Bauer) wird Hüüs, Böüm, Müet, Üssicht, güet, Püür.

  • Die vorher bereits hellen Vokale «ü», «ö» und die Diphthonge (Doppellaute) «öi»,«öü», «üe» werden nun im Walliserdeutschen entrundet, d. h. sie werden nicht mehr in der runden Lippenstellung, sondern mit in die Breite auseinandergezogenen Lippen gesprochen und werden so zu «i», «e» und zu den Diphthongen «ei» und «ie» («ie» wird in der Dialektschreibung immer als «i+e» gesprochen, es gilt hier nicht als Dehnungslaut): aus schweizerdeutsch Füür, Föön, müed, Fröit, Schüür, Dörfli, Füess (Plural), (Feuer, Föhn, müde, Freude, Scheune, Dorf, Füsse) wird Fiir, Feenno, mied, Freit, Schiir, Deerfji, Fiess. Ein interessantes Wort in diesem Bereich ist Föhn/Fön: den Föhn als warmen Fallwind kennen wir hier schon seit Urzeiten; deshalb haben wir ihn auch folgerichtig auf Feenno entrundet, hingegen den Fön als Haartrockner lernten wir erst in jüngster Vergangenheit kennen; deshalb brauchen wir hier den hochdeutschen Begriff als Dialektlehnwort und sagen Föön.

  • Als weiteres Merkmal tritt nach Vokalen an die Stelle von neuhochdeutsch «nk» das «ch»; das «n» vor «k» verschwindet also, dafür wird aber der vorangehende Vokal gedehnt oder diphthongiert: aus hochdeutsch trinken, tränken, schenken, danken, Bank wird im Walliserdeutschen triichu, treichu, scheichu, däichu, Bäich, [Baich, Böuch, Böüch etc.].

  • Den oftmals altertümlichen Charakter des Walliserdeutschen wird besonders durch den Erhalt der vollen Nebensilbenvokale erzeugt; es ist dies aber ein Phänomen, das von Westen nach Osten abnimmt: im unteren Teil des Oberwallis (Region Leuk, Turtmann, Raron) lässt sich teilweise noch der ganze Reichtum der althochdeutschen Flexion erkennen:

Grammatikalische Merkmale

Das Phänomen «volle Nebensilbenvokale» verschwindet allmählich; wer aber bei älteren Leuten richtig zuhört, kann die Probe aufs Exempel machen. Ähnlich verläuft die lautliche Situation beim Gebrauch der Verben; hier kann man im Westen vor allem beim Partizip Il noch die vollen Nebensilbenvokale antreffen: gegangen, getragen, gegessen, wird zu gigangu, gitreit, ggässu. Diese Lautmerkmale wirken manchmal etwas grob und altertümlich; deshalb lässt ein Walliser, der sich im Dialekt angleichen will, als erstes die vollen Nebensilbenvokale fallen; grundsätzlich schleift sich das Walliserdeutsche durch den Einfluss von Mobilität und moderner Kommunikation immer mehr ab.

Nicht minder auffällig sind aber einige grammatikalische Merkmale des Walliserdeutschen, insbesondere stechen hier die Pluralbildung (Mehrzahlbildung) und der Diminutiv (Verkleinerungsform) hervor:

 

  • Der Diminutiv wird im Walliserdeutschen sehr häufig und teilweise anders gebraucht, als dies beim übrigen Schweizerdeutschen üblich ist. Anstelle von «-li» sagt der Walliser «-ji», also statt Maitli, Büebli, Hüüsli, Bärgli, sagt er Meitji, Büebji, Hiischi, Bäärgji, (Mädchen, Bübchen, Häuschen, Berglein); dazu steht oft diese diminutive Form als eigentliche Normalform: Mannji (Mann) wird viel häufiger als das Wort Ma(n) verwendet und vermerkt keineswegs eine Verkleinerung. (Wenn man es genau nimmt, gibt es natürlich einen wertenden Unterschied: Mann ist `besser', persönlicher, emotionaler; man sagt miine Maa [mein Mann], äss ischt an groosse Maa gsii [er war ein grosser Mann], aber da uber steit as Mannji [da drüben steht ein Mann], hiite het iisch as Mannji psüecht [heute besuchte uns ein Mann]).

  • Einen Unterschied zum Schweizerdeutschen erkennen wir auch an den Pluralendungen (Mehrzahlendungen) auf «-ini»: Männer wird zu Mannjini, Häuser zu Hiischini.

  • Ein zwar nicht sehr auffälliges, aber doch einzigartiges Merkmal ist der vorangestellte Genitiv: sagt der Zürcher der Huet vom Vatter [der Hut des Vaters], drückt sich der Walliser hier schon fast poetisch aus: ds Vattersch Hüet [des Vaters Hut], ds Müetersch Schnützlumpo [Mutters Taschentuch].

  • Auch wenig beachtet wird die Flexion des prädikativ gebrauchten Adjektivs: aus er isch afen alt oder ds Chind ischt ganz lieb gsii wird äär ischt afu aalte und ds Chind ischt ganz liebs gsii [er ist schon alt und das Kind war ganz lieb].

  • Wiederum ein recht bekanntes und auffälliges Merkmal ist die Versächlichung (Neutrum Bildung). Für Personen oder Dinge mit männlichem oder weiblichem Artikel wird einheitlich der sächliche (neutrale) verwendet: z.B. der Lötscher, ds Leetschi, (die) Anna, ds Anni. Besonders häufig finden wir dieses Merkmal bei Personennamen: ds Tooni, ds Vreni [Anton, Verena] und Berufsbezeichnungen: ds Müüri, ds Metzgi [Maurer, Metzger]. In der Regel drückt diese Versächlichung keine Abwertung, keine Respektlosigkeit (nicht pejorativ) aus - ich bin halt ds Schmidji und unser Schulvorsteher, der Rektor des Gymnasiums, ist ds Räkti - das ist im Wallis nun mal so üblich!

  • Beibehaltung des dreiförmigen Plurals der sogenannten Normalverben (Iwar Werlen, Verena Tunger, Usula Frei: Der zweisprachige Kanton Wallis. Rotten Verlag, Visp, 2010, S. 71)

Weitere Informationen:

  • Raidiointerwiew zum Walliserdeutsche vom 21. 2. 2011 im Radio Rottu auf Walliserdeutsch (30').

  • Hier finden Sie einen Anleitung zur Schreibung der Walserdialekte

Links zum Thema: