Wortbildung

Neue Wörter werden im Walliserdeutschen auf wie im Hochdeutschen hauptsächlich in fünf verschiedenen Methoden gewonnen: Neuschöpfung, Bedeutungswandel; Zusammensetzung, Ableitung und Übernahme aus einer anderen Sprache. (vgl. Grafik)

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Neuschöpfung:

Das finden wir vor allem in den oberitalienischen Walsergebieten, es fehlte der Begriff im eigenen Dialekt und man wollte nicht das italienische Wort übernehmen, hochdeutsch sprach man nicht, also hat man selbst ein Wort erfunden z.B. im Pomatt für Regenschirm, ds Rägutach, für die Uhr, ds Zitgereis (Gereis ist eine Konstruktion für das Messen der Zeit); im Walliserdeutschen hat man sich eigentlich immer im Hochdeutschen, Französischen oder Italienischen bedient. Wie weit wir die Walliser Eigenwörter auch zu Neuschöpfungen zählen können, habe ich hier nicht untersucht, (sie können auch Relikte des Walliserdeutschen aus dem Germanischen oder sonst verloren gegangener Fremdwörter sein: Strälla, Striegel; Hopschil, Frosch; Straffol, Heuschrecke; Latöüchji, Eidechse; Heimina, Alpenspinat oder Guter Heinrich; Griiffle, Preiselbeeren; Giretsch, Vegelbeerbaum oder Eberesche; Girtschi, eitrige Entzündung; uneetju, Fingernageln, heftiger Schmerz der Fingerspitzen beim Auftauen; hirme, ausruhen.

Bedeutungwandel:

Tablett, Servierbrett, denu tüen i dier uff dum Tablett servierru, Tablett, Handcomputer, das chan i dier uff dum Tablett zeigu. Spiicher, der Vorrats- oder Getreidespeicher, im Spiicher han i no zwei Hamme; Spiicher, Speicherplatz in Elektrogeräten, gottfritstutz jetz het miis Händi zweenig Spiicher.

Zusammensetzung:

der Fernsee, aus zwei Wörtern, einem Adverb «fern» und dem Verb «sehen» entsteht ein neues Nomen «Fernseher», alte Zusammensetzungen sind z.B. «Schorrschüüfla», aus dem Verb «schoru» kratzen, schaben (vgl. schoru und Id. II 8/1196) und dem Wort «Schüüfla», Schaufel wird das Werkzeug bezeichnet, mit dem man in der Alpe, wo dem Vieh kein Stroh eingelegt wurde, das weiche Kot- und Uringemisch in einem Graben mit der «Schorrschüüfla» aus dem Stall in die Pijeudugrüeba gestossen wurde.  «Deckhowwa» kleine Haue zum Zudecken von Steckgut, z.B. Kartoffel; Wässerbieli, Wässerhowwa, Multiwerkzeug zum Bewässern;

 

Neue Zusammensetzungen: «Biwässrigskompjuuter», Bewässerungscomputer oder «Fäärnbidienig, Fernbedienung, Schiissupapier, Klopapier; Häärpfilscheener, Kartoffelschäler oder wichtig für alle Walliser: Zapfuziejer, Korkenzieher.

 

Ableitung:

Aus einem «alten» Wort wird indem es die Wortart wechselt ein neues ein neues, «aalt» «d Aaltu», zum Teil ist es eine verkappte Zusammensetzung, denn es passiert durch eine Vor- «kämpfu» zu, «bikämpfu» oder eine Nachsilbe, «bildu» zu «Bildig».

Diesen Ableitungsmechanismus (durch Affixe) kennen wir aus dem Hochdeutschen mit Vor- oder Nachsilben (Präfix und Suffix)

Ableitung durch Suffixe:

Substantive (Nomen): -heit, -keit, -ung, -lein …; aus -heit und -keit, wird -i :

  • -heit: «Dummi, Dummheit; Falschi, Falschheit; Brüemti, Berühmtheit; Plumpi, Plumpheit; Uberlägni, Überlegenheit;

  • -keit: «Anähglichi, Anhänglichkeit Gfräässigi, Gefrässigkeit; Barmhäärzigi, Barmherzigkeit; Grächti, Gerechtigkeit; Güetglöübigi, Gutgläubigkeit; Maasloosi, Masslosigkeit; Unempfindlichi, Unempfindlichkeit; ehrlicher Weise muss gesagt werden, dass heute auch im Walliserdeutschen – heit und -keit gesprochen werden: also: Dummheit, Maaslosigkeit

  • - ung wird -ig: Abdichtig, Abdichtung; Bifirchtig, Befürchtung; Bessrig, Besserung; Dichtig, Dichtung; Isparig, Einsparung; Fälschig, Fälschung; Gäältig, Geltung; Impfig, Impfung; Wonig, Wohnung; Zalig, Zahlung.

  • -lein wird -ji: Büebji, Büblein; Meitji, Mädchen (die Verkleinerungssilbe -chen kennen wir im Süddeutschen nicht); Gietji, Gütlein, Chüechji, Küchlein; Väärsji, Verlein; Tischji, Tischchen; Aschtji, Ästchen, Baartji, Bärtchen

  • ...

Adjektive (Eigenschaftswörter):

  • -ig ist das gebräuchlichste  Suffix zur Bildung von Adjektive zur Bezeichnung von Vorgängen oder Zuständen aus Abstrakta: giizig, geizig; grüüsig, hässlich, ungenissbar;  hoffäärtig, hoffärtig,  oder aus Konreta zur Bezeichnung von Eigenschaften und Ähnlichkeiten: bäärtig, bärtig;  dräckig, schmutzig; fettig; 

  • -lich, = -li: vorsichtig von «eben»:  süüferli; sorgfältig von «sauber»; oordentli, ordentlich;

  • -bar: , sonderbar; verträttbar, vertretbar;  

  • -haft: blagghaft, von schlechter Qualität; naarhaft, nahrhaft; trimpilhaft, sich verhalten wie ein Narr;

  • -sam: , sparsam; langsam; säältsam, seltsam;

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Affixe bei Verben (Tätikeistwort)

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Für die Bildung von Verben stehen, wie die obige Figur zeig sehr viele Möglichkeiten (Affixe) offen, es sind aber vor allem Vorsilben, die dazu verwendet werden: im Zusammenhang, vor allem mit einem starken Verb, können hier bis zu fünfzehn neue Wörter entstehen: singu, singen, faaru, fahren…

-u/en: als Nachsilbe haben wir vor allem das Suffix -u, -en, mit dem man neue Verben bilden kann; ein in der Standartsprache weitverbreitete Möglichkeit ist die Denomination: das heisst, aus einem Nomen entsteht durch das anhängen der Endsilbe ein Verb: aus Liebi, Liebe wird liebu, lieben. Dabei ist mir aufgefallen, dass damit Tätigkeiten bezeichnet werden, die einen gesamten Prozess darstellen: aus Heww, Heu wird hewwu, heuen; äämdu, Emd einholen; howwu, Äcker umbrechen; chrissu, Einstreu aus Tannennadeln besorgen; diese Wortbildungsmöglichkeit entspricht dem Hochdeutschen, in dem das Werkzeug: Nagil, Nagel, Howwa, Haue, Borer, Bohrer, oder die Sache: Wasser, Choch, Koch; Tagg, Tag; Rägo, Regen; Bicki, Steinpflaster zu Tätigkeiten werden: naglu, howwu, boru, wässerru, chochu, tage, rägnu, bickinu.  Kann der Arbeitsgang nicht als Ganzes bezeichnet werden, werden sie in eigenen Tätigkeiten genannt: hewwu, heuen, aber: Chooru, Korn: seeju, säen; schniidu, schneiden, träägu, tragen; Häärpfil stecku, stecken; grabu, graben; häärpflu, «kartoffeln» gibt es zwar auch, das wird aber nur beim Jassen (Butz, Butzer, Handjass, Schläger, wer nicht auf 21 Punkte kommt, wird mit einer Null (Häärpfil) bestraft).  

Diese Möglichkeit der Wortbildung scheint das Walliserdialekt besonders auszukosten, wobei einige ganz besondere Perlen entstanden sind: fittlochu, von Fittlo, Hinter, Arsch entsteht ein Wort, das ein zielloses, nervöses (im Hause) «Herumwandern» bezeichnet; aus Gläff, abwertend für Mund wird gläffju, über jemanden schlecht reden, tratschen; aus Niri, Narr wird nirinu, narren, albern, sich tölpelhaft benehmen; Göüch, Gauch wird göüchjinu,  albern; wenn jemand seine Finger nicht stillhalten kann, jemanden betatsch heisst das fingerlinu von Finger; aus Zwang wird zwänggu, zwängen und aus Drang dränggu, drängen.

Übernahme von den Nachbarn

Im Westen aus dem Französischen: auch in die schweizerische Standartsprache: Trottuaar, Trottoire, Frigoor, Kühlschrank

ins Walliserdialekt:* amardierru, belästigen; apaartig, speziell, eigenartig; Balo, Glas Wein;benedeiju, segnen; Bell, Entscheidungsspiel; Benefiss, Gewinn; Biido, Eimer; binogglu, beim Jassen dem Gegner zuspielen; Binoggil, Feldstecher; Bissgwii, Biskuit; Blessüür, Verletzung; Blamaasch, Blamage; Bordüür, Rahmen, Bord, Begrenzung; Bugge, Blumenstraus; Buttilli, Trinkgefäss aus Holz; Düwe, Bettdecke; Fassung, Form, Aussehen; futtü, kaputt, futsch; Gabine, Toilette; Ganilla, Zimtgewürz; Gano, Ganustäcko, Stock, Gehstock; Ggintschet, Türfalle; Grigg, Wagenheber, starker Kerl; Goschschung, Schmutzfink, Sauhund; ggujonierru, plagen, quälen, Gido, Fahrradlenker; Ggojung/Ggujung, Schmutzfink, Dreckskerl;  Ggütti, Sackmesser, Gramper, grampu, Schotter unter die Eisenbahnschienen verteilen;  Guggulüüsch, Keuchhusten; Gudro, Alphalt; gudronierru, asphaltieren;  karisierru, Bekanntschaft haben, lieben; komoot, nützlich, passend, bequem; kurioos, eigenartig, merkwürdig; konfuus, verwirrt, merkwürdig; Magusii, Laden, Kaufladen Miiser, Elend, Unglück; merssi, danke; justamänt, richtig, im richtigen Moment;  Pajass, Narr, Hanswurst; Pandüüla, Pendeluhr; Pantoffil, Pantoffel; Remiis, Schuppen; Passwitt, Passiergerät, im Goms auch Seihtrichter; Pärisol, Regenschirm; partu, unbedingt, absolut; Patro, Chef, Meister, Herr; passaabil, brauchbar, erträglich Permi, Führerschein; Pinoggil, 1. Feldstecher; 2. kleiner, lächerlicher Kerl, 3. schlechter Jasser, der dem Gegner zuspielt; Pläsier, Vergnügen; Poort, Türe; Ponto, Zapfen; Porretsch, Lauch; Pöteeterli, Feuerzeug; Potschamber, Nachttopf Pusset, Kinderwagen; Puttig, Hosenladen, Kaufladen; ramusierru, zusammenraffen;  schalüüs, eifersüchtig; Simmilla, Griesbrei;  sessa, das wars, so ist es, auch als sessa wola; Schalusii, Fensterladen; Stabälli, Schemel; Schufflöör, Blumenkohl; Sottiise, Dumheiten, unnütze Scherze; süpärt, schön, adrett;  Tüünig, Kleidung, Tenue; Tutzwitt, Durchfall;  Waliis, Koffer; Wisit, Besuch, Arztvisite; Zappii, Sabbie, Griesbeil…**

 

Im Süden von den Italienern: Bajagga, Brei aus Erde oder Sand und Zement; Bagaasch, Bagatäll, Kleinigkeit; Barlogga, Pause; Barri?, Knall, Menge; baschta, genug, Schluss jetzt!; Putz, Bewässerungs- oder Tränketeich; Palggo, Fensterladen; Massetta, Fäustling; Guscht, Geschmack… ***

*alle Wörter findest du mit Herkunft und Worterklärung im Glossar  

Quellen: Walter Henzen: Deutsche Wortbildung. Max Niemeyer Verlag, Halle, 1947; Johannes Erben: Einführung in die deutsche Wortbildungslehre, 5. Aufl. Erich Schmidt Verlag, Berlin, 2006;

**Tony Lagger, unveröffentlicht: Liste, Walliserdeutsche Wörter aus dem Französischen

*** Die Liste der Wörter aus dem Italienischen ist etwas mickrig ausgefallen, falls DU noch weiter Wörter kennst, melde dich doch bitte beim mir! s.u.