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Verben im Walliserdeutschen

vgl. Andreas Lötscher: Schweizerdeutsch. Geschichte Dialekte, Gebrauch. Verlag Huber, Frauenfeld, 1983)

Im Schweizerdeutschen wie auch im Walliserdeutschen ist eine Vereinfachung der Ausdrucksmittel festzustellen. Dem Walliserdeutschen fehlt gegenüber dem Standartdeutschen vor allem die einfache Vergangenheit (Imperfekt, Präteritum) Für den Ausdruck des Vergangenseins eines Geschehnisses wird  nur das zusammengesetzte Perfekt gebraucht: är ischt gigangu, er ist gegangen; wier hei gschafft, wir haben gearbeitet.

Mit Hilfe der zusammengesetzten Perfektformen von sii und ha kann auch ein Plusquamperfekt  gebildet werden, das Vorzeitigkeit einer Handlung oder eines Ereignisses in bezug auf ein anderes Geschehnis in der Vergangenheit ausdrückt:  wa wer gsungus gcha hei, hei wer ggässu, als wir gesungen hatten, assen wir;  wa wer fertig gschaffots kcha hei; hei wer ds Wäärchziig zrugg gibrungu; als wir fertig gearbeitet hatten, brachten wir das Werkzeug zurück.

Unbekannt ist dem Walliserdeutschen auch eine spezielle Futurform. Zukünftige Geschehnisse werden einerseits mit dem einfachen Präsens bezeichnet: mooru rägnots, morgen regnet es oder das Zukünftige wird mit dem Zeitatverb de, "dann" markiert: mooru schaffi (ch)de, morgen arbeite ich dann.

Die Bildung des Partizips erfolgt im Walliserdeutschen im Grunde mit den gleichen Mitteln wie im Standartdeutschen durch das Anfügen des Präfixes "ge-", wobei wir bei einer grossen Zahl von Verben einen deutlichen Unterschied zwischen dem oberen Teil: ggangu und unteren Teil des Oberwallis: gigangu festellen (vgl. Sprachgrenzen).

Die Zuteilung der einzelnen Verben in stark, schwach, oder gemischt ist mit wenigen Ausnahmen die gleiche wie im Standartdeutschen. Die gemischten Verben und ein Teil der schwachen Verben (schiinu, scheinen;  stimmu, stimmen; tiischu, täuschen etc) werden im Walliserdeutschen stark konjugiert.

Den Wechsel zwischen Suffix -t und -ot, -et  treffen wir auch im Standartdeutschen (glacht, gelacht; gwaartot, gewartet, wobei die altertümlich Endung -ot (ot) langsam am Verschwinden ist und sich dem -t der Standartsprache anpasst.

Auch bei den meisten von Substantiven und Adjektiven abgeleiteten Verben wird das Suffix -ot gebraucht: ghipschot (hübsch geworden), tickot (dicker geworden), verdräckot (verdreckt), usw.

Neben den beiden erwähnten Hauptgruppen der starken und schwachen Verben gibt es im Walliserdeutschen  zahlreiche unregelmäßige Verben, wie die Hilfsverben ha, sii, tue, wäärdu und die Modalverben.

Allgemein fällt hier auf, dass das Walliserdeutsche eine grosse Vorliebe für «zusammengezogene», das heißt stark verkürzte Verbformen besitzt; statt geben, nehmen, kommen, lassen, fangen heißt es nä, cho, laa, faa.

Konjunktiv

Wie im Standarddeutschen können auch im Walliserdeutschen zwei Konjunktive gebildet werden, nämlich ein Konjunktiv 1 (Konjunktiv im engeren Sinn) und ein Konjunktiv 2 (oft auch Konditional genannt). Der Konjunktiv 1 kann am -i- in der Endung erkannt werden sowie daran, dass  in der 3. Person Singular keine -t- Endung steht: ich süechi, er süechi (er suche).

Der Konjunktiv 2 wird in den regelmäßigen Fällen mit der Endung -ti gebildet: är süechti (er würde suchen), chöüfti (er würde kaufen). Allerdings gibt es im Bereich des Konjunktivs eine Formenvielfalt, die in einer einfachen Aufzählung gar nicht einzufangen ist.

Die Verwendung einfacher Konjunktivformen stößt im Walliserdeutschen auf ähnliche Probleme wie im Standarddeutschen. Ausser bei den unregelmässigen Verben sind die Konjunktiv 1-Formen schlecht erkennbar und wirken die Konjunktiv-2-Formen schwerfällig. Regelmäßig gebildete Formen wie chlätterti (er würde klettern), badoti (er würde baden) werden deshalb grundsätzlich vermieden.

Als Ersatz dafür treten Umschreibungen des Konjunktivs mit würdi  würde oder tie(tieje)  täte ein:

Konjunktiv I: är tie chlättru, tiejegi badu               

Konjunktiv II: är tieti chlättru, würdi badu

Der hauptsächlichste Verwendungsbereich des Konjunktiv 1 ist die indirekte Rede. Nach Verben des Sagens und Meinens ist der Konjunktiv praktisch obligatorisch: Schii het gseit, schii chämi eerscht am Aabund heim. (Sie sagte, sie komme erst am Abend heim.). Ich ha gitröümt, ich siigi as Krokodill. (Ich träumte, ich sei ein Krokodil.) Är het gmeint,  är heigi ds Portmonee verlooru. (Er meinte, er habe seinen Geldbeutel verloren.)

Nach Verben des Wissens, Sicher-Seins usw. dagegen steht der Indikativ: Ich ha gwisst, dass är z spaat chunnt. (Ich habe gewußt, dass er zu spät kommen würde.) Ich bi sicher, dass settigs verbottu ischt. (Ich bin sicher, dass so etwas verboten ist.)

Der Konjunktiv 1 in Konzessivsätzen, in Finalsätzen usw. kann zwar gehört werden, scheint jedoch ähnlich wie im neueren Standarddeutschen am Veralten zu sein: Schii heint schich abkchrampft, dass schii im Aalter eppis heigi.  (Sie haben sich abgeschuftet, um im Alter etwas zu besitzen.)

mehr:

http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Schweizerdeutsch.html

http://www.calsky.com/lexikon/de/txt/s/sc/schweizerdeutsch.php

 

"kommen" statt "werden" im Passiv

 

Im Wallis und in Graubünden gibt es viele Belege für den Gebrauch von 'kommen' statt 'werden', z. B. im Passiv 'schi [die Villa] ischt verchöifti cho' vs. 'sie isch verchauft worde'.
Komischweise wird das adjektivisch gebrauchte Partizip 'gschtorbnigs' mit einer Endung im Neutrum gebildet und nicht an das fem. 'schi' angeglichen. Dann würde es ja 'gschtorbni' heissen. Aber es ist im Wallis kein Einzelfall, dass Frauennamen sächlich verwendet werden. 
Es ist charakteristisch für die Walliser Dialekte, dass Adjektive und Partizipien mit dem Objekt kongruieren, daher die Endung -igs/-ix für Neutrum.
Und mit dem Ausdruck 'gschtorbnigs cho' wird wohl der Vorgang des Sterbens betont und nicht das Resultat, also der Tod. Das ist in diesem Zusammenhang zwar ein bisschen irritierend. Ich denke nicht, dass diese Wendung im Zusammenhang mit 'gestorben' oft verwendet wird. Wohl eher 'schi ischt leider gschtorbn', also abgeschlossen.
Aber Wendungen wie 'dHosä sind nassi cho', 'ds Chind ischt gsunds cho', 'dr Kaffee ischt chaltä cho', 'ds Chind ischt chranks cho'... sind weit verbreitet.

 

Autor: "kommen" statt "werden" im Passiv: Gabi Bart