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Sprachwandel

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Es ist klar zu unterscheiden zwischen Wortwandel, hier ändert sich die Bezeichnung, das Wort, so sagte man früher fast überall im Oberwallis für Onkel Ettro, Mond, Maano, heut hört man fast nur noch Onkil oder Moont und Bedeutungswandel, hier behält man das gleiche Wort bei, gibt ihm aber eine neue Bedeutung z. B. Speicher – Spiicher. In diesen Bereichen gibt es markante Änderungen in unserem Dialekt. In Lautung und Grammatik zeigt sich aber unser Dialekt recht stabil.

Mit den Lebensumständen wechselt auch die Sprache. Elisabeth Burtscher, Lehrerin, Erzählerin und Lyrikerin aus dem Grossen Walsertal, sagte einmal etwas wehmütig in einem Vortrag: «Mit dem Werkzeug haben wir auch unsere Sprache weggelegt.» Dem ist so, die Sprache wandelt sich mit uns und der ganze Wortschatz einer archaisch bäuerlichen Welt den wir z.B. noch in der Dissertation von Rübel1 finden und der sich in meiner Jugend noch in meinem aktiven Wortschatz befand («Schorrgrabo», Kotgraben im Alpstall,  «ferggu», Kuh zum Stier bringen, «Mälchtra», Melchter, Holzmilchgefäss) ist heute bei 90 % der Bevölkerung nicht nur verschwunden, sondern unverständlich. Dieser Wortschatz ist im SDS2 ausführlich und übersichtlich aufbewahrt und im Idiotikon3 erklärt, ist im Wandel; auf den Sprachwandel geht  «Diealektstrukturen im Wandel»4 ein. Intensiv mit diesem Thema hat sich Schmid Camill5 aus Bellwald in seiner Dissertation auseinandergesetzt. Im Folgenden möchte ich ein paar Gedanken zu diesem Thema etwas vertiefen.

  1. Die Sprache verwendet nur Wörter, die sie tatsächlich auch braucht. So haben sich Fachsprachen entwickelt und dazu gehörten die vielen bäuerlichen Tätigkeiten, Werkezeuge, Einrichtungen unserer Väter im alpinen Ackerbau, der Viehzucht, der Alpwirtschaft, aber auch dem Weinbau. In meiner Jugend waren «Howwu» (Acker Umbrechen), «Hewwu» (Heu einbringen), «Mälchu» (Melken), «Hietu» (Vieh hüten), «Mischtu» (Misten) und «Striglu» (Striegeln, das Vieh mit einem Kratzer von Unrat befreien), «Burdinu» (Heuballen auf dem Kopf tragen) und «Trosu» (Trauben, Obst zerstossen) alltägliche Arbeiten, heute sind diese Arbeiten, wenn überhaupt, nur noch einer kleinen Minderheit bekannt. Mit den Tätigkeiten ist auch die dazugehörige Sprache verschwunden.

  2. Aber an die Stelle der archaischen Geräte und Werkzeuge sind neue gerückt; sehr oft hat man den Namen mit dem Gerät dazuerfunden und ihn dann auch gleich in die Alltagsprache übernommen, plötzlich gab es «Fernsee» (Fernseher), «Wäschmaschiina» (Waschmaschine), den Namen dazu hat man vom Deutschen übernommen, oder man entlehnte ihn für das "neumodische Zeug" aus dem Französischen: «Pärisol» (Regenschirm), «Düwe» (Bettdecke) «Niisli» wurde zum Filet oder dann wie heute üblich aus dem Englischen: «Mixer, Kompjuter» (Computer), «Peezee» (PC). Fehlt uns in unserer Mundart ein Begriff, leihen wir ihn uns einfach bei der Standartsprache oder dem Nachbarn (Französisch, Italienisch und immer mehr Englisch) aus. Wo aber die Sprache als Identifikation für die Gemeinschaft galt, wie z. B. bei den Walser in Pomatt (Val Formazza, Italien) um sich gegen die Welschen (italienisch Sprechende) abzugrenzen, hat man nicht einfach den Begriff aus der Nachbarschaft übernommen (z. B. als die Zeitbestimmung immer wichtiger und die Uhr zum volksläufigen Gebrauch wurde), sondern einen eigenen Begriff erfunden: «Zitgereiss» (Zeitgereise, Uhr) oder «Rägudach» (Regenschirm); leider haben aber zunächst die Politik Mussolinis und später die moderne Mobilität und Kommunikation der eigenen Sprache in dieser Region dann doch noch den Garaus gemacht.

  3. Die Sprache ist, wie vieles andere, der Mode unterworfen; in dreissig Jahren Lehrtätigkeit habe ich die folgenden Modetrends miterlebt: sagte man 1970 für eine negative Situation oder Reaktion noch «wele Schiissdräck» (welch Scheissdreck), wechselte man um 1980 nach deutschem Vorbild zu «Scheisse»; was aber um 1990 zu wenig Wirkung erzielte, da war die gleiche Situation schon «echt Scheisse» um dann nach 2000 zum omnipräsenten Englischen «Shit» zu wechseln. Ich glaube, der Wechsel zum Englischen ist neben dem Verlust der "alten Sprache" das wichtigste Phänomen des Sprachwandels: sogar aus dem beliebten «Putztiifil» (Putzteufel, Putzwütige*r) wurde der «Putztschanki» und auch das befreiende «Jesinu» (Stossseufzer ausstossen) haben wir verlernt: «jessus!!» Wurde zu «fak!!» Das Englische verbreitet sich immer mehr in Werbung und Wissenschaft in unserer Alltagsprache. Als ich in einem Prospekt über Zermatt immer wieder von «Kitts Paradeis» von «Ewents, Ägschen» las, ging ich zum «Turistoffiss» und verlangte den deutschen Prospekt, da bekam ich zur Antwort: «Das ist der deutsche Prospekt!»

  4. Ein besonderes Phänomen des Sprachwandels zeigt sich in der Jugendsprache, man könnte sie auch eine Art Fachsprache nennen, eine Sprache in der man sich fachspezifisch ausdrückt, mit der man sich gegen aussen (Wissenschaft, Gruppe, hier: alle die älter sind) abgrenzt. „Sheesh!“ (ein Ausruf, der Erstaunen oder Genervt-Sein zum Ausdruck bringt); „Bre“ ist die neueste Variante für „Digga“, „Bratan“, „Bro“ und „bruh“ – also für einen Kumpel. Es gibt jedes Jahr ein neues Wörterbuch der Jugendsprache, das ist auch notwendig, denn haben wir Alten diese Sprache verstanden, grenzt sie nicht mehr ab und wird gewechselt. Eine gute Möglichkeit, sich totsicher lächerlich zu machen, ist der Versuch, sich der Jugend in ihrer Sprache zu nähern.

  5. Eine besondere Form des Sprachwandels ist der Bedeutungswandel, d. h. ein Wort verändert mit der Zeit seine Bedeutung, es kann sie verengen wie im klassischen Beispiel von «Hochziit», das ursprünglich irgend ein Fest bedeutete, heute aber nur noch die Vermählung meint; es kann sich aber auch erweitern, wie im Beispiel «Spiicher», der Ort, wo früher Schmuck, kostbare Kleider (Tracht), Lebensmittel aufbewahrt wurden. Seitdem die Welt nicht mehr nur analog daherkommt, speichern wir die analogen Wert im «Tresoor» oder «Seif» (Safe) und die digitalen im «Spiicher» (Lochkarte, Speicherkarte, Band, Diskette, DVD, Blue Ray, Festplatte, USB Stick, Cloud); und die alten  «Spiicher» überlassen wir dem langsamen Verfall; nicht logisch, aber analog!

  6. Mit dem Verlust der alten Werkzeuge verlieren wir auch Kenntnisse und Fertigkeiten, am Schlimmsten scheint es mir bei der Entwicklung vom «Stift» zur «Fädra» (Feder als Schreibgerät) zum «Fülli» (Füllfederhalter), über den «Chuli» zur «Schribmaschiina» weiter zum «Kompjuuter» und «Täblet und Händi» - und dabei geht ganz langsam die gute alte Handschrift verloren, oder wann haben Sie zum letzten Male einen handgeschriebenen Brief bekommen oder einen (ganzen) Satz von Hand niedergeschrieben?

  7. In letzter Zeit fällt mir auf, dass wir einerseits immer mehr Wörter der Lautung der Standartsprache angleichen: aus dem Maano wird Mond, aus dem Ettro Onkel, was dabei besonders auffällt, ist die Rücknahme der für das Walliserdeutsche so typischen Entrundung: aus Hiischi, Hüss (Haus), aus Frint, Fröünt (Freund).

 

1) Rübel, Hans Ulrich: Viehzucht im Oberwallis. Huber, Frauenfeld, 1950.

2) Sprachatlas der Deutschen Schweiz. Herausgegeben von: HOTZENKÖCHERLE, fortgeführt von 

    ROBERT SCHLÄPFER, RUDOLF TRÜB UND PAUL ZINSLI, Bd. I-VII, Francke Verlag, Bern, 1962-1993.

3) Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der Schweizerdeutschen Sprache, Bd. I-XVI, herausgegeben

    von: Staub, Tobler, Bachmann, Gröger, Warmer, Dalcher, Frauenfeld 1881-.

4) Hotzenköcherle Rudolf: Diealektstrukturen im Wandel. Verlag Sauerländer, Reihe Sprachlandschaften, Bd. 2,

    Aarau, Frankfurt am Main,   Salzburg, 1986

5) Schmid, Camill: Sach- und Sprachwandel seit 1900: dargestellt am Gemeinschaftsleben und an der 

    Mundart von Bellwald. Basel: G. Krebs, 1969

6) Vgl. https://www.allesprachen.at/blog/jugendsprache/

Mehr! Schmid Camill

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