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Kunst und Kitsch



Zwei Dinge werfe ich meiner Jugend vor: die verkorkste Sexual- und die fehlende Kunsterziehung! Über Aufklärung und die Rolle der Sexualität habe ich schon in anderen Geschichten berichtet. Lasst mich doch mal heute über «mein» Verhältnis von Kunst und Kult lästern. Die Fünfzigerjahre waren in unseren Bergdörfern eine sehr pragmatische Zeit: alles wurde unter dem Gesichtspunkt betrachtet, «das brüüchts» und mehr noch «das brüüchts nit»! Da muss ich eindeutig Karl Marx recht geben: Kunst ist halt ein Produkt des «Ideologischen Überbaus». Gelebt haben wir in der Bildenden Kunst von den historisierenden Bildern in unseren Schulbüchern, vor allem der Bibel, und unseren Kirchen aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts, geprägt auch von den «Bildjinu», die wir vom Pfarrer oder der «Schwester» (Nonne) bekommen haben. In der Musik prägten uns die «süssen» Kirchenlieder «Maria zu lieben» oder «…breit den Mantel aus» - Zu Hause fehlte die Kunst oder breitete sich bei den «Meebessru» der Kitsch à la «Röhrender Hirsch» aus. Später haben wir dann oft gesagt: «Da hätte man auch gescheiter den Maler und nicht das Bild aufgehängt»! Ich bin mein Leben lang Banause geblieben und neidisch habe ich oft auf die Kinder des «Bildungsbürgertums» geschaut, die scheinbar den Bezug zu der Kultur mit der Muttermilch aufgesogen haben. Natürlich habe ich den Zugang gesucht und schon als Sekschüler eifrig Konzerte und Theater besucht, aber während viele Zuhörer begeistert aus Bachs «Mathäuspassion», Händels «Messias» oder Schillers «Maria Stuart» kamen, hat mir einfach nur der Arsch weh getan. Brav habe ich die «Geburt der Venus» in den Uffizien, die «Mona Lisa» im Louvre, den «Apoll von Belvedere» in den Vatikanischen Museen, den «Pergamonaltar» in Berlin abgehakt, war im Tate Modern und im Britischen Museum in London, der Ermitage in St. Petersburg (besser gefallen hat mir hier das Russische Museum mit seinen riesigen Schlachtschinken) in den Opern von Berlin, Prag, Moskau, Milano, aber den Zugang habe ich nie mehr richtig gefunden, und ich glaube, das schulde ich meiner Jugend. (Gut zu Literatur habe ich den Zugang teilweise gefunden, aber diese Kunstgattung klammere ich hier aus). Ich bin ein vorsichtiger Banause geworden, ich sage nur noch: «Das gefällt mir!» oder «Das verstehe ich nicht!» Manchmal denk ich mir auch, wenn ich den ganzen Betrieb betrachte: «Was ist hier Sein und was ist Schein?» Natürlich habe ich vieles von dem «Mussmangesehenhaben» mitbekommen, doch einfach reingegangen ist wenig. Ich erinnere mich an die Rothkoausstellung in Basel: die musste man gesehen haben; es war ein Riesenandrang, als Höhepunkt konnte man einzeln in so einer Art Andachtsraum drei Hauptwerke bewundern; ich stand da in dem Raum und dachte mir, wie lange muss ich jetzt bleiben, damit ich nicht einerseits als Banause oder anderseits als rücksichtsloser Egoist gelte.

Wenn ich schon so masslos abschweife, möchte ich doch noch auf zwei bleibende Erlebnisse eingehen: Eines war auf der Kunstreise des Kollegiums im Kreuzgang von «St. Trophim» in Arles; Robi In Albon hat uns diesen Kreuzgang mit solch einer Begeisterung erklärt, praktisch jeder Säulenwindung ist er zärtlich mit dem Finger gefolgt, da musste die Begeisterung überspringen. Das andere Mal, (ich war ein Sommer lang in der Schweizergarde), die Sixtinische Kapelle war fertigrenoviert und eine neue Beleuchtung eingebaut; da beschloss der italienische Staatspräsident (Leone) dieses Werk zu bewundern. Ich hatte Dienst in der «Sala Regia», ein Raum gleich neben der Sixtina mit einer offenen Türe mit ihr verbunden. (Wenn man aus der Sixtina rausschaut, sieht man an der gegenüberliegenden Wand das Riesenfresko «Die Schlacht von Lepanto» (Giorgio Versari). Das dauert und dauert (Italiener halt), bis der Staatspräsident kam. Plötzlich winkte mir der Kurator und sagte zu mir, jetzt wollen wir mal zuerst das Licht ausprobieren (das Licht in der Sixtina wird nur, um die Gemälde zu schonen, in den seltensten Fällen angezündet), und dann ging er mit mir eine halbe Stunde lang erklärend und deutend von Wand zu Wand, von Bild zu Bild – nur wir zwei, bei vollem Licht!

Bürchen, 8. Juni 20

Bildquelle: Schulbibel: Daniel in der Löwengrube

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