Suche
  • volmar.schmid

Spilu oder vertwellu?



Freizeit hatten wir nicht so viel: vom Frühjahr bis zum Herbst, Mai bis Oktober hatten wir zwar frei, aber schon ab dem Vorschulalter unsere Pöstchen oder Arbeiten: vom Vieh hüten über Mist tragen, Botengänge bis zu den vielen Hilfsarbeiten in der Landwirtschaft. Selbstverständlich haben wir uns auch bei diesen Tätigkeiten machen mal die Zeit zum «Spilu» oder «Vertwellu» von der Arbeit «abgezwackt». Meine Eltern waren manchmal bass erstaunt, wie wenig ich beim Jäten in den Reben an einem Tag geschafft hatte. «Spilu» war immer mit anderen Kindern zusammen, man war auf die Gruppe fixiert, wie z.B. beim «Tschäggolöüfu» (Fangis), beim «Vertwellu» spielte man mit sich allein, d.h. man war vor allem in seine eigene Tätigkeit versunken z.B. «Bääbinu»

Beim «Vertwellu» beschäftigte man sich mit «Spillziig», man spielte mit seinem selbstgeschnitzten Vieh (vgl. Miis Sackmesser 1), errichtete mit kleinen Steinen, «Schnägge» (Schnecken) und «Bääje» (Zapfen, Tannzapfen) eine Viehherde, baute mit Holzklötzen ein Haus. (Mitte der Fünfziger haben wir von die Berghilfe, wie alle Familien in Ausserberg, Spielzeug bekommen und darunter war für uns ein Holzbaukasten, die Holzplättchen waren zackig in H-Form eingesägt, da gab es Einer- bis Achterstücke, und man konnte sie nach unserem Prinzip des «Gwätts» ineinanderstecken und so ganze Kathedralen bauen – diese Holzklötze habe ich später nie mehr gefunden, sie wurden durch Lego oder Duplo u. ä. abgelöst). Natürlich bekamen wir an Weihnachten und zum Geburtstag auch Spielzeug geschenkt: die Buben ein Blech- oder Holzauto, sogar Aufziehspielzeug, doch für die Federn solchen Zeugs waren wir einfach zu kräftig, die waren schnell kaputt. Die Mädchen bekamen ihre Puppen, da konnten sie gleich lernen, wie man Kleider näht. Die Kinder waren oft sich selbst überlassen oder wurden von einer älteren Schwester beaufsichtig, da hat man gelernt, sich selbst zu beschäftigen.

Nach der Arbeit oder der Schule gab es auch doch noch Zeit zum «Spilu»; wir trafen uns in Gruppen bis zu 6 – 7 fast gleichaltrige Kinder aus unserem Weiler (der Dischterra)und spielten «Tschäggo Löüffu», sich Fangen. Einer war der Fänger und musste nun seine Mitspieler fange, der Gefangene wurde nun zum Fänger. Ein anderes beliebtes Spiel war «Totsch Kaaltu», der «Totsch» war ein vorher definierter Punkt, z.B. eine Telefonstange, ein Hydrant etc. hier musste nun der «Süecher» mit geschlossenen Augen bis X zählen und dann seine Mitspieler suchen. Hatte er einen gefunden, lief er zurück zum «Totsch» und musste ihn mit einer stehenden Formel «aschlaa»: «Totsch ver mich und x!» Die Versteckten versuchten natürlich vor dem Fänger den «Totsch» zu erreichen und wenn es ihnen gelang, hatten sie gewonnen. Der nächste Fänger war der erste, der vom Fänger angeschlagen werden konnte. Gelang es ihm nicht, mindestens einen zu besiegen, musste er erneut suchen. Da gab es die Feiglinge, die sich aus Sicherheitsgründen nie allzu weit vom «Totsch» entfernten; nach einer gewissen Zeit verloren die Versteckten die Geduld und riefen «Totschhocker, Totschhocker!» und so versuchten sie ihn zu provozieren, dass es seinen Platz verliess!

Ein beliebtes Spiel war auch das «Plaanu» (Planen) mit einem Stock hat eine Gruppe den Weg zu unserem Versteck in die Erde geritzt (die Wege waren unbefestigt) und die andere Gruppe musste nun anhand dieses Plans das Versteck suchen. Ich glaube, das war das wertvollste Spiel in meinem Lebenslauf, wir lernten graphisches Gestalten, denn die Sucher haben natürlich den Plan nach jeder Runde bewertet, und man lernte Plan lesen, denn auch die «Plaaner» mussten ihre Arbeit verteidigen – es gab immer die Diskussion: waren jetzt die Planzeichner oder die Planleser besser, man lernte zugleich auch noch mit Fakten argumentieren. Aber das es das überhaupt gibt, was wir da alles lernten, habe ich erst viel später erkannt.

Ich ufere aus, darum gibt es über Völkerball oder «Maarflu», Standball oder «Tschuttu» morgen mehr!

Bürchen, am Tag der kalten Sophie 2020

PS an alle über 70 Jährigen, habt ihr überhaupt ein Foto von euch, dass euch beim Spielen zeigt?

.

9 Ansichten

volmar.schmid@bluewin.ch +4127 923 93 35 / +4179 753 49 84

  • Facebook Social Icon
  • Twitter Social Icon
  • LinkedIn Social Icon

©2019 by www.walliserdialekt.ch. Proudly created with Wix.com