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  • volmar.schmid

«Warum eifach, wes kompliziert öü geit?»


Bild und Geschichte 57

Warum nur? Es ist doch alles so einfach, wenn man weiss, wie es geht! Das Kreuzworträtsel ist im Nu ausgefüllt, wenn man die Antworten kennt – warum nur, kenne ich die Antworten oft nicht? Ich ärgere mich noch heute darüber, zu wenig hinterfragt zu haben. Wenn ich fragte, warum müssen wir die Reben dauernd jäten, warum müssen wir so tief «howwu», erhielt ich immer die gleiche Antwort: «Dass hei wer immer soo gmacht!» Und kurz darauf kamen Gründüngung und biologisch schonende Bodenlockerung die zeigten, dass es anders auch geht.

Vieles ist so einfach, wenn man es kann – warum kann ich es nicht? Ich könnte hier viele Beispiele aufzählen, um zu zeigen, wie einfach es geht, wenn man weiss wie: ich nehme das Zeichnen. Alle wollten wir natürlich gut Zeichnen und Malen können, natürlich so genau wie möglich der Vorlage entsprechen. Dazu braucht es, wie für alles, 10% Inspiration und 90% Transpiration, also sind wir fleissig ans Werk gegangen. Ich wollte die Schweizer Grenzen abzeichnen, also nahm ich als Vorlage die Schweizerkarte, einen Bleistift und ein Blatt Papier. Ich begann bei Genf, zeichne jedes Detail, jedes Böglein («durchtricku» war verpönt) haargenau nach, spätestens beim bündnerischen Rätikon und den Bögen des Puschlavs schwante mir Übles und als ich wieder am Genfersee ankam, hatte ich mich massstabgetreu meilenweit vom Ausgangspunkt entfernt: nicht meine Arbeit war schlecht, es war die Methode! Als uns dann der Lehrer einen Trick zeigte, wie man das «Grigil» eines Vierwaldstättersees zeichnen konnte: man nimmt ein liegendes Kreuz mit leicht schrägem Querbalken, hängt versetzt einen Winkel an, jetzt braucht man nur noch in gleichmässigem Abstand diese Form einzurahmen und – voilà, die Zeichnung ist fertig. (vgl. Abb. von mir selbst 60 Jahr später gefertigt.).

Einmal hatten wir die Aufgabe ein Gebäude abzuzeichnen; wir gingen hinaus und ich wählte auf dem Dorfplatz einen alten mächtigen und majestätischen Stadel. (vgl. Abb.) Ich zeichnete, verglich, mass nach, radierte, zeichnete neu, korrigierte, mass nach, korrigiert, verglich und erwischte den Stadel haargenau nach Vorlage, jedes Detail stimmte und trotzdem – es stimmte nicht, das Resultat war ein furchtbarer Krüppel, verzweifelt habe ich radiert, korrigiert, radiert, korrigiert, jedes Detail stimmte und trotzdem, was habe ich mich damals geärgert und noch mehr, als man uns dann später das perspektivische Zeichnen beibrachte!

Mein Gott, wie einfach ist doch eine Sache, wenn man weiss wies geht! Und da frage ich mich noch heute manchmal: Konnten die nicht oder wollten sie nicht?! Meinen Kollegen zu Liebe, die noch in den Zweitausender mit «Schnapsmatrizen» herumliefen, höre ich hier auf, denn sonst kommt ja noch die Frage nach dem «Warum?» und die Antwort, «Dass hei wer immer so gmacht!» habe ich eigentlich genug gehört.

Bürchen, 13. Juni 20

Bild: Quelle links: FB Marlies Werren; Stadel auf dem Dorfplatz in Ausserberg; rechts: Zeichnungsanleitung für den Vierwaldstättersee

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