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Von Gemeinschaftssinn und Gemeindewerk


Bild und Geschichte 21

Der dritte Gegenstand auf dem nun schon bekannten Bild ist die Spaaltsaaga (Spaltsäge). Ein Werkzeug, das zum säge der Holzbalken für den Bau der Walliser Holzhäuser diente. Über die Spezialitäten des Alpinen Strickbaus und die Eigenschaften des Walliserhauses, bzw. Häuser, über Gwätti, Heiduhüss und Fiirhüss, über Schwiistiija, Geissgädi und Wohüss werde ich euch ein andermal erzählen.

Die Spaaltsaaga kann nicht allein bedient werden und steht damit typisch für eine Eigenschaft unserer selbstversorgenden Agrarwirtschaft: dem Gmeiwääch. Natürlich ist das Individuum, die Familie der wesentliche Kern unserer Gemeinschaft; aber bei vielem, was es zu tun gab, war der Einzelne ein Nichts. Wenn einer allein nicht mehr weiterkam, kamen ihm seine Nachbarn zu Hilfe. Auf dem Bild sehen wir drei Männer beim Sägen eines Balkens; nur gemeinsam konnten sie die Spaltsaaga bewegen, nur gemeinsam den Balken zu Baustelle tragen, gemeinsam züeschniidu (Anpassen in Länge und Form des Balkens), gemeinsam ihn setzu (Einfügen ins Strickmuster). In vielen Bereichen wurde das Gmeiwärch zur festen Einrichtung: bim Wasserleitungsbau, beim Wegebau, beim Hausbau, Alpwerk, Rebwek usw. Zum Gemeinschaftsgedanke kam dann auch schon sehr früh der Genossenschaftsgedanke, man schloss sich zu Besitzgemeinschaften zusammen und erledigte Aufbau und Unterhalt gemeinsam. Der Genossenschaftsgedanke wurde zum Kern unseres Gemeinwesens. Wir wissen heute, dass der Gedanke zur Eidgenossenschaft aus dem Genossenschaftsgedanke der Alpgenossenschaft Uri entstanden ist. Er spielt noch heute eine grosse Rolle, wenn wir an die Migros oder die Berner Bürgergenossenschaft (eine der grössten Grund- und Immobilienbesitzer der Schweiz) denken.

Natürlich mussten diese Werke auch unterhalten werden, dazu wurde dann das Gemeindewerk rechtlich geregelt. An einem bestimmten Tag im Jahr oder vom Vogt (Verwalter der Genossenschaft) bestimmt (es wurde in der Regel am Sonntag nach dem Amt verchintot) trafen sich die Genossenschafter und erledigten die anfallenden Arbeiten: an der Wasserleite, in den Reben, am Weg, an der Alpstallung, an den Fluren… Jeder brachte das Werkzeug und die Verpflegung selber mit, die Arbeit begann mit einem Gebet (meist dem Englisch Gruss, Änglischgrüess), sie wurde je nach handwerklichen Fähigkeiten und Bedürfnissen aufgeteilt und erledigt. Am Ende sass man zusammen, trank seinen mitgebrachten Wein und verzehrte sein mitgebrachte Spiis.

Der Genossenschaftsgedanke lebt noch heute und das Gemeinwerk ist rudimentär bis heute geblieben; doch als anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts die Versicherungen aufkamen, ging es mit der spontanen Nachbarhilfe zu Ende – man ist ja versichert!

Ein junger Wasservogt (inzwischen ist er natürlich auch schon 40 Jahre älter) am Natischer Berg hat mir mal erzählt; als er das erste Mal zum Gmeiwäärch aufrief, versammelte sich eine Reihe älterer Männer um ihn und einer sagte: «Appa zeersch der Änglischgrüess vorrbättu!» Der junge Vogt schaute erstaunt in die Runde, runzelte die Stirne und meinte: «Hi!»

Bürchen, 19. 4. 20

Bildquelle: Niederer, vgl. www.walliserdialekt.ch/literaturverzeichnis

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