Va Chuchichälstli und Pägglete


„Ah! Schwyzerdütsch, Chuchichäschli – ho, ho,ho!“ Wer kennt das nicht, einerseits die profunde Sprachkenntnis des Lachenden, der endlich die Sprache des anderen erkannt hat und andererseits das so typische „Chuchichäschtli“ als Urtyp des Schweizerdeutschen. Nun ja, typische für das Schweizerdeutsche ist „Chuchichäschtli“ schon, ersten wird das hochdeutsche „K“ im hochalemannischen (gilt nicht für Base und Chur) zu „Ch“; zweitens verbleibt das mittelhochdeutsche „u“ und wird nicht zum hochdeutschen „ü“, und drittens zeigt sich in diesem Wort der Schweizer Mundart liebstes Kind: das „li“. Diese Verkleinerungsform finden wir nun tatsächlich im Schweizerdeutschen bis zum Überdruss: aus dem „Kasten“ wird ein „Chäschtli“. Was hat das aber jetzt das alles mit dem Walliserdeutschen zu tun. Für die Walliser gilt in diesem Falle: „an Tschiffreta Pägglete di Tschugglette ambritreellu“ das ist unser „Chuchichäschtli“ und wie dieses nicht allgemein für das Schweizerdeutsche gilt, gilt das Zweite nicht allgemein für das Walliserdeutsche: weder in der Wortwahl, noch in der Lautung.
Das Schweizerdeutsche ist ja nicht einheitlich, es besteht aus: Freiburger-, Berner-, Luzerner-, Basler-, Aargauer-, Walliser-, Appenzellerdialekt…; so ist es auch mit dem Walliserdialekt, bestehend aus Gommer-, Simpeler-, Saaser-, Zermatter-, Auserberger-, Lötschtaler-, Salgescher-, Briger-, Natischerdialekt…, die sich sowohl in der Wortwahl als auch in der Lautung unterscheiden. Das Walliserdeutsche ist sehr vielfältig (vgl. Zweiteilung) und diese Vielfalt zeigt sich eben nun auch in dem typischen walliserdeutschen Spruch: „an Tschiffreta Pägglete di Tschugglete ambritreellu“. Dieser, an und für sich sinnloser Spruch, „ein Rückentragkorb voll Holzschnitzel über die Felsen rollen“, Spiegelt nun aber typisch das Walliserdeutsche, besteht er doch immerhin aus 4 Walliser Eigenwörter, d.h. die kommen nur im Walliser- oder Walserdeutschen vor: Tschiffra = Rückentragkorb; Pägglete = Holzschnitzel oder Kotklumpen; Tschugglete = Felsenabhang, und treellu = etwas einen Abhang hinunterstürzen, rollen, werfen.
Wer nun aber glaubt, diese Wörter würden einheitlich im ganzen Walliserdeutschen gebraucht, irrt gewaltig, sogar das allertypischste Wort Tschiffra wird in Lautung: Tschiffre, Tschifra, Tschifru; so sagt man, falls man überhaupt das Wort verwendet, im Goms Tschifre, mit mittleren Teil Tschifra und im unteren Teil des Oberwallis Tschifru. In einigen Gebieten des Oberwallis (Lötschental und Vispertäler) verwendet man den Begriff Choorb, Rigguchoorb, Trägchorb usw. vgl. Bild oben, Sprachatlas, Bd. VII/66, ein Pähnomen, das im Wallis weit verbreitet ist, und es gibt eine ganze Liste von Wörtern, die in einigen Teilen so und den anderen so lauten; dies führt zu einer grundsätzlichen Zweiteilung des Walliserdeutschen mit einer groben Grenze bei Visp: die wir nach dem Wort für „ausruhen“ benennen können in „hirme“ im Osten und „liwwe, liibbe, liwwu im Westen. (vgl. Zweiteilung) Und auch in den übrigen Gebieten ist eine Tschifra nicht gleich an Tschifra, es gibt: Ladt-, Löüb-, Mischt-, Rob-, Trosstschifre, um nur die wichtigsten zu nennen. Da auch die Lautung sehr unterschiedlich ist, entsteht eine Vielfalt, wie wir sie sonst in der Schweiz nirgends erkennen. Ein schönes Beispiel dafür ist die Bezeichnung für Fenstersims (vgl. Sprachatlas, Bd. VII/176) ich beginnen im Osten und laufe der Rohne entlang bis Salgesch: Gsims, Pfoscht, Fänschterbank, Poscht, Brätt, Britt, Lade, Poscht.
Weniger vielfältig ist es beim Wort Pägglete, Pägglätä, Päggäta, es handelt sich dabei um kleine, flache Rinden- oder Holzstücke, die sich vor allem beim Holzspalten und den Spaalttotz häufen. Sie werden besonders zum Anfeuern benutzt. Die Vielfalt ist hier in der Bedeutung, Pägglete sind daneben auch die Mist- oder Kotflechten, die sich bei kurzhaarigem Vieh bildet: ds Chieli het ds Fittlo volls Pägglete, die Kuh hat den Hintern voll getrocknetem Mist. Aber auch der getrocknete Nasenschleimfilm, den man Wollust aus der Nase grübelt: d Nasa volls Pägglete. Ganz anders sieht es bei den Kotklumpen bei langhaarigen Haustieren aus (Schaf und Ziege), hier formiert sich der Kot mit dem Haar zu länglichen Klumpen, die wir dann Zoggla (Sing. Zoggil) nennen, das dann ihrerseits auch wieder schlecht gekleideter, schmutziger Mensch, Landstreicher, oder aber einfach Holzschuh bedeuten kann.
Tschugglete kommt von Tschuggo = Fels (vgl. Idiotikon 14/1720) und wird durch eine Spezialität des Walliserdeutschen, das Kolektivsuffix -ete (vgl. Bitz = Stücklein zu Bitzlete = viele Stücklein) zu einer ganzen Felswand oder felsigen Abhang.
Jetz bleit uns eigentlich nur noch das ambritreellu = runterrollen; eine Zusammensetzung, die nun ihrerseits wieder aus zwei Walliserspezialitäten besteht, dem „ambri“ und dem „trellu“. Wenden wir uns zunächst dem Richtungsadverb ambri zu; wie im Bayrischen enthalten die Richtungsadverbien im Walliserdeutschen viele Zusatzinformationen, die über Herkunft des Sprechenden Auskunft geben; sie zeigen an, woher der Sprechende kommt und wohin er geht. Erklärt den Bezug des Sprechenden zum geschilderten Vorgang (vgl. Richtungsadverbien). Bei treellu, treele, sehen wir die im Walliserdeutsche immer wieder erscheinende Aufhellung der Vokale (Füür-Fiir; guet-güet; Fön-Feenno…), es ist mit dem schweizerdeutschen troolen verwandt und kann darum nicht so ohne weiters als Eigenwort gelten.
Ich hoffe, gezeigt zu haben, wie einzigartig, aber auch uneinheitlich und vielfältig das Walliserdeutsche ist und stellen uns hier die Frage: was haben wir Walliser am Ende in unserer Sprache eigentlich noch gemeinsam: es ist das germanische „s“ im Umfeld mit „i“, das im Walliserdeutschen zu „sch“ wird: wir sagen: Vischp, Mischt, iisch, Miisch…! Das sagen wir alle und sonst niemand! (Natürlich mit Ausnahme der Walser, aber die stammen ja aus dem Oberwallis!)
Ah, du glaubtest, Walliserdeutsch sei gleich Walliserdeutsch! Weli Tschiffra (Mensch, leicht beschränkt, naiv, a-, at-, bi-, con-, non-, pro-, post-, prae-, supra-, ultrabinär)
Volmar Schmid, 22. 8. 24



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