top of page

Va Chuchichälstli und Pägglete

Autorenbild: volmar.schmid
volmar.schmid
22. Aug. 2024
4 Min. Lesezeit

„Ah! Schwyzerdütsch, Chuchichäschli – ho, ho,ho!“ Wer kennt das nicht, einerseits die profunde Sprachkenntnis des Lachenden, der endlich die Sprache des anderen erkannt hat und andererseits das so typische „Chuchichäschtli“ als Urtyp des Schweizerdeutschen. Nun ja, typische für das Schweizerdeutsche ist „Chuchichäschtli“ schon, ersten wird das hochdeutsche „K“ im hochalemannischen (gilt nicht für Base und Chur) zu „Ch“; zweitens verbleibt das mittelhochdeutsche „u“ und wird nicht zum hochdeutschen „ü“, und drittens zeigt sich in diesem Wort der Schweizer Mundart liebstes Kind: das „li“. Diese Verkleinerungsform finden wir nun tatsächlich im Schweizerdeutschen bis zum Überdruss: aus dem „Kasten“ wird ein „Chäschtli“. Was hat das aber jetzt das alles mit dem Walliserdeutschen zu tun. Für die Walliser gilt in diesem Falle: „an Tschiffreta Pägglete di Tschugglette ambritreellu“ das ist unser „Chuchichäschtli“ und wie dieses nicht allgemein für das Schweizerdeutsche gilt, gilt das Zweite nicht allgemein für das Walliserdeutsche: weder in der Wortwahl, noch in der Lautung.

Das Schweizerdeutsche ist ja nicht einheitlich, es besteht aus: Freiburger-, Berner-, Luzerner-, Basler-, Aargauer-, Walliser-, Appenzellerdialekt…; so ist es auch mit dem Walliserdialekt, bestehend aus Gommer-, Simpeler-, Saaser-, Zermatter-, Auserberger-, Lötschtaler-, Salgescher-, Briger-, Natischerdialekt…, die sich sowohl in der Wortwahl als auch in der Lautung unterscheiden. Das Walliserdeutsche ist sehr vielfältig (vgl. Zweiteilung) und diese Vielfalt zeigt sich eben nun auch in dem typischen walliserdeutschen Spruch: „an Tschiffreta Pägglete di Tschugglete ambritreellu“. Dieser, an und für sich sinnloser Spruch, „ein Rückentragkorb voll Holzschnitzel über die Felsen rollen“, Spiegelt nun aber typisch das Walliserdeutsche, besteht er doch immerhin aus 4 Walliser Eigenwörter, d.h. die kommen nur im Walliser- oder Walserdeutschen vor: Tschiffra = Rückentragkorb; Pägglete = Holzschnitzel oder Kotklumpen; Tschugglete = Felsenabhang, und treellu = etwas einen Abhang hinunterstürzen, rollen, werfen.

Wer nun aber glaubt, diese Wörter würden einheitlich im ganzen Walliserdeutschen gebraucht, irrt gewaltig, sogar das allertypischste Wort Tschiffra wird in Lautung: Tschiffre, Tschifra, Tschifru; so sagt man, falls man überhaupt das Wort verwendet, im Goms Tschifre, mit mittleren Teil Tschifra und im unteren Teil des Oberwallis Tschifru. In einigen Gebieten des Oberwallis (Lötschental und Vispertäler) verwendet man den Begriff Choorb, Rigguchoorb, Trägchorb usw. vgl. Bild oben, Sprachatlas, Bd. VII/66, ein Pähnomen, das im Wallis weit verbreitet ist, und es gibt eine ganze Liste von Wörtern, die in einigen Teilen so und den anderen so lauten; dies führt zu einer grundsätzlichen Zweiteilung des Walliserdeutschen mit einer groben Grenze bei Visp: die wir nach dem Wort für „ausruhen“ benennen können in „hirme“ im Osten und „liwwe, liibbe, liwwu im Westen. (vgl. Zweiteilung) Und auch in den übrigen Gebieten ist eine Tschifra nicht gleich an Tschifra, es gibt: Ladt-, Löüb-, Mischt-, Rob-, Trosstschifre, um nur die wichtigsten zu nennen. Da auch die Lautung sehr unterschiedlich ist, entsteht eine Vielfalt, wie wir sie sonst in der Schweiz nirgends erkennen. Ein schönes Beispiel dafür ist die Bezeichnung für Fenstersims (vgl. Sprachatlas, Bd. VII/176) ich beginnen im Osten und laufe der Rohne entlang bis Salgesch: Gsims, Pfoscht, Fänschterbank, Poscht, Brätt, Britt, Lade, Poscht.

Weniger vielfältig ist es beim Wort Pägglete, Pägglätä, Päggäta, es handelt sich dabei um kleine, flache Rinden- oder Holzstücke, die sich vor allem beim Holzspalten und den Spaalttotz häufen. Sie werden besonders zum Anfeuern benutzt. Die Vielfalt ist hier in der Bedeutung, Pägglete sind daneben auch die Mist- oder Kotflechten, die sich bei kurzhaarigem Vieh bildet: ds Chieli het ds Fittlo volls Pägglete, die Kuh hat den Hintern voll getrocknetem Mist. Aber auch der getrocknete Nasenschleimfilm, den man Wollust aus der Nase grübelt: d Nasa volls Pägglete. Ganz anders sieht es bei den Kotklumpen bei langhaarigen Haustieren aus (Schaf und Ziege), hier formiert sich der Kot mit dem Haar zu länglichen Klumpen, die wir dann Zoggla (Sing. Zoggil) nennen, das dann ihrerseits auch wieder schlecht gekleideter, schmutziger Mensch, Landstreicher, oder aber einfach Holzschuh bedeuten kann.

Tschugglete kommt von Tschuggo = Fels (vgl. Idiotikon 14/1720) und wird durch eine Spezialität des Walliserdeutschen,  das Kolektivsuffix -ete (vgl. Bitz = Stücklein zu Bitzlete = viele Stücklein) zu einer ganzen Felswand oder felsigen Abhang.

Jetz bleit uns eigentlich nur noch das ambritreellu = runterrollen; eine Zusammensetzung, die nun ihrerseits wieder aus zwei Walliserspezialitäten besteht, dem „ambri“ und dem „trellu“. Wenden wir uns zunächst dem Richtungsadverb ambri zu; wie im Bayrischen enthalten die Richtungsadverbien im Walliserdeutschen viele Zusatzinformationen, die über Herkunft des Sprechenden Auskunft geben; sie zeigen an, woher der Sprechende kommt und wohin er geht. Erklärt den Bezug des Sprechenden zum geschilderten Vorgang (vgl. Richtungsadverbien). Bei treellu, treele, sehen wir die im Walliserdeutsche immer wieder erscheinende Aufhellung der Vokale (Füür-Fiir; guet-güet; Fön-Feenno…), es ist mit dem schweizerdeutschen troolen verwandt und kann darum nicht so ohne weiters als Eigenwort gelten.

Ich hoffe, gezeigt zu haben, wie einzigartig, aber auch uneinheitlich und vielfältig das Walliserdeutsche ist und stellen uns hier die Frage: was haben wir Walliser am Ende in unserer Sprache eigentlich noch gemeinsam: es ist das germanische „s“ im Umfeld mit „i“, das im Walliserdeutschen zu „sch“ wird: wir sagen: Vischp, Mischt, iisch, Miisch…! Das sagen wir alle und sonst niemand! (Natürlich mit Ausnahme der Walser, aber die stammen ja aus dem Oberwallis!)

Ah, du glaubtest, Walliserdeutsch sei gleich Walliserdeutsch! Weli Tschiffra (Mensch, leicht beschränkt, naiv, a-, at-, bi-, con-, non-, pro-, post-, prae-, supra-, ultrabinär)

Volmar Schmid, 22. 8. 24

 
 
 

844 Kommentare


bikashpradhan
vor einem Tag

Nothing warms the heart quite like regional dialect phrases that carry an entire world of cozy nostalgia in just a couple of words. Hearing terms like Chuchichästli instantly brings up memories of rustic wooden chalets, handmade treats stored in small kitchen cupboards, and that comforting feeling of opening a thoughtful Pägglete sent by family. Earlier today, after spending several uninterrupted hours organizing work folders and clearing out my inbox, I jumped onto DmPlay for a quick ten-minute pause to play a few casual games and clear my head. Stepping away for a moment really helped reset my mental focus. Discovering this charming cultural write-up right afterward made me smile—there’s such genuine warmth in celebrating everyday linguistic traditions.

Gefällt mir

bikashpradhan
vor einem Tag

Every culture has those specific household words that instantly unlock cozy childhood memories, and Swiss German phrases like Chuchichästli and Pägglete are peak comfort. From the scent of dried herbs and spices kept in old kitchen cabinets to the pure excitement of receiving a little gift parcel wrapped in brown paper and twine, it’s all about the small joys of home. After finishing up a long list of errands and house chores this afternoon, I spent some easy downtime on Maan Win to unwind with a few casual games. Having that quick, fun distraction helped me decompress completely. Really appreciate this post—it's a lovely reminder to slow down and cherish simple domestic traditions.

Gefällt mir

bikashpradhan
vor einem Tag

There is an unmistakable, grounding beauty in dialect storytelling that celebrates the rhythm of everyday home life. The image of opening up an old Chuchichästli filled with familiar family spices, snacks, and little surprise parcels (Pägglete) evokes that universal feeling of belonging no matter where you grew up. Earlier today, when my to-do list started feeling a bit heavy, I logged into DmFirst for a short gaming pause to decompress. Having that lighthearted distraction cleared my head completely. This write-up captures that gentle, nostalgic comfort so well—sometimes the simplest domestic memories are the ones that stick with us forever.

Gefällt mir

duzibisu
26. Okt.

편리함과 시간 활용을 중요하게 생각하는 분들에게 잘 맞는 서비스라고 생각합니다. 별도로 매장을 방문해야 하는 번거로움을 출장마사지 줄여 주고, 원하는 시간과 장소를 고려해 일정을 정할 수 있다는 장점이 있습니다. 충분한 휴식이 필요한 날 부담 없이 검토해 볼 만한 선택지라서 관심이 가네요.

Gefällt mir

duzibisu
23. Okt.

야간 시간대를 활용하고 싶다면 본인의 생활 리듬과 가능한 근무 시간을 먼저 정하는 것이 좋겠습니다. 중간에 정보를 살펴보면 다양한 업무와 근무 조건을 비교하기 밤알바 편리합니다. 일정과 맞지 않는 공고를 걸러내고 원하는 시간대와 업무 형태를 기준으로 선택할 수 있다는 점에서 구직에 유용한 정보가 될 것 같습니다.

Gefällt mir

Impressum: Volmar Schmid, Furkastrasse 26, CH-3900 Brig

volmar.schmid@bluewin.ch +4127 923 93 35 / +4179 753 49 84

  • Facebook Social Icon
  • Twitter Social Icon
  • LinkedIn Social Icon

©2019 by www.walliserdialekt.ch. Proudly created with Wix.com

Quellen: Nacherzählt von Volmar Schmid nach: Illustrierte Walliser Sagen. Wilhelm Ebener. Rotten Verlag, Visp, 1995, 3. Aufl. 2008,  Deutsche Volkssagen. Hg. v. Leander Petzoldt. München 1978. Sagen der Schweiz. WALLIS. Hrgs. Peter Keckeis, Sonderausgabe für ZAP, 1998 by Limmat Verlag, Zürich. Historischer Verein von Oberwallis. Walliser Sagen. Bd 1 + 2 Moritz Tscheinen und Peter Ruppen. Faksimilie, DOGMA, Bremen, 2013. Guntern, Josef: Volkserzählungen aus dem Oberwallis. Krebs, Basel, 1987. Biffiger Walser Ursula: Bergmütter, Quellfrauen, Spinnerinen. Sagen und Geschichten aus dem Wallis. Hier und Jetzt, Zürich 2021

bottom of page