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Tierhaltung



Vor dieser Geschichte möchte ich warnen; was damals normal war, könnte heute verstören! Vor allem Tierschützer, die noch nie einen Schritt in einen Viehstall gemacht haben oder Tierfreunde, die ihr Modeaccesoirehündchen unter dem Arm spazieren führen, sollten nicht weiterlesen.

Die damalige Tierhaltung wäre mit den heutigen Tierschutzgesetzen nicht mehr möglich. Als ein Freund von mir sein Maiensäss zu einem Ferienhaus umbauen wollte, wurden ihm im Untergeschoss, dem ehemaligen Viehstall, keine Fenster bewilligt. Als er aber das Baugesuch umschrieb und im Untergeschoss einen Schafstall vorsah, wurden ihm Fenster vorgeschrieben.

Die Kühe hatten auf der Brigi ca. zwei Quadratmeter Platz, sie wurden an die Baarma angekettet, hier fanden sie immer etwas Futter oder Gläck; täglich wurde gemistet und neu eingestreut, zwei Mal wurden sie am Morgen und am Abend zur Tränke geführt. Im Winter wurden sie auch hier mit Heu und Gläck (Kraftfutter, Getreideschrott) gefüttert, die übrigen Jahreszeiten wurden sie täglich auf die Weide getrieben und blieben den ganzen Tag über dort. Es war die Aufgabe von uns Kinder, die Tiere von Zeit zu Zeit zu putzen, dazu wurden sie mit Strigel und Strälla abgerieben und dann mit einer kräftigen Bürste abgebürstet. Wurde das nicht regelmässig und sorgfältig gemacht, bekamen die Kühe Pägglette, das heisst, der Kot hat sich mit den Haaren verklumpt; diese zu entfernen war mühsam für den Putzer und schmerzhaft für die Kühe. Meisten bekam der Hirte nach der mühsamen Arbeit anschliessend noch ein paar hinter die Löffel! Die Kühe scheinen sich aber recht wohl gefühlt zu haben, recht freudig zogen sie nach der Tränke zurück in den Stall, jedes an seinen Platz.

Schaf und Ziegenställe waren niedriger, die Tiere wurden während des Winters im Stall gefüttert, wurden regelmässig zur Tränke geführt, angebunden wurden sie nicht; es wurde auch nicht ausgemistet, nur von Zeit zu Zeit wurde der Boden mit frischem Streu belegt. Im Frühjahr kamen die Tiere ins Freie und jetzt wurde der Mist in 10 – 20 cm dicken, viereckigen Platten herausgehauen. In baumlosen Gegenden, z. B. im Walserort Juf (GR) wurde dieser Mist unter der Dachtraufe aufgeschichtet und im Winter zum Feuern und Heizen verwendet.

Am schlechtesten hatten es eigentlich die Schweine, sie hatten alles andere als «Schwein gehabt»! Für sie gab es ein eigenes Gebäude, d Schwiistiija, ein kleines max. 2x2 Meter grosses Häuschen mit einem Raum und auf einer Seite eine ca. 1 Meter hohe Türe und daneben eine Öffnung, die mit einer Klappe verschlossen werden konnte, durch die man das Schweinefutter direkt in den Trog leerte. Einmal in der Woche wurde der Raum gereinigt, eine furchtbar schmutzige und stinkige Arbeit. Sie oblag meist der ältesten Tochter der Familie, war aber auch eine «beliebte» Strafaufgabe.

Männlichen Wesen sind ungeniessbar, sobald Geschlechtshormone im Spiel sind. Halt, ich meine das hier wörtlich, darum musste man das männliche Vieh vor der Geschlechtsreife kastrieren. Bei den Schafböcken nannten wir es «Heillu», dem jungen Widder wurde ein starkes Gummiband um den Hodensack gebunden und damit der Blutzufluss unterbunden, bis er abstarb. Dann wurde er mit einem scharfen Messer abgeschnitten. Die jungen Ferkel wurden schon kastriert gekauft; aber als Praktikant in der Landwirtschaftlichen Schule in Visp war, «durfte» ich mal selber an einer solchen Aktion mitmachen. Ich war beim Ressort «Kleinvieh» (Schafe, Ziegen, Schweine, aber auch Hühner und Bienen) eingeteilt, da kam Herr Walpen (ds Hännuwalpi) morgens zu mir und sagte: «Hiitu miess wer Fäärlini kaschtrierru!» (Heute müssen wir Ferkel kastrieren). Obwohl ungewohnt, war meine Arbeit gar nicht so schwierig, ich musste die jungen Ferkel in einem Koben einfange, packte sie an den Hinterfüssen, hielt sie hoch und Herr Walpen schlitzte mit einem scharfen Messer die Hodensäcke auf, die Hoden kullerten am Samenstrang heraus, der wurde durchschnitten und sie kamen in einen Kessel. Jetzt nur noch mit einer Jodtinktur das Ganze desinfizieren, und ich konnte das nächste Ferkel einfangen. Ein bisschen mulmig war mir schon, vor allem der Lärm der jungen Ferkel, ds Giissu, machte mir zu schaffen. Heute gibt es strenge Vorschriften, die Ferkel werden betäubt; aber da das vielen zu umständlich ist, werden männliche Nachkommen, die nicht für die Zucht vorgesehen sind, direkt nach der Geburt entsorgt; männliche Küken werden vergast…

Übrigens hatte meine Nachbarin so viele Katzen, dass sie bald einmal die Übersicht verlor, und da im Frühjahr dauernd ein davon Nachwuchs hatte, bekamen wir den Dauerauftrag, diese jungen Katzenbälge zu entsorgen. Über die Methoden, die wir dazu anwendeten, spreche ich hier nicht und die Geschichte wie Ewald und ich (er war in der 6. Klasse, ich in der 4.) mein altes Kaninchen schlachteten und was wir dabei erlebten, die erzähle ich hier auch nicht.

Ja, die Tierhaltung scheint uns aus heutiger Sicht tierquälerisch, aber das war es nur scheinbar, denn man war auf Gedeih und Verderb auf die Tiere angewiesen, sie gehörten sogar irgendwie zur Familie und die Verhältnisse waren oft für die Menschen auch nicht viel besser. Treffen sich Hans und Peter auf der Dorfgasse, sagt Hans: «Du hast dir einen Geissbock zugetan?» «Ja» entgegnet Peter, «aber du hast doch gar keinen Geissenstall!» «Ah, weisste du, den halte ich bei mir in der Küche.» «Um Gottes Willen, der furchtbare Gestank!!» «Ach was, das Tier muss sich halt daran gewöhnen!» Man gab den Tieren Namen, sorgte dafür, dass sie gesund blieben, man kannte ihre Charakteren und Macken, und ich bin überzeugt, dass manchmal das Verhältnis zwischen der Frau und ihren Kühen oder des Mannes und seiner Schafe besser war, als das unter den Ehegatten untereinander.

Bürchen, 29. 4. 20

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