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L - L - Lampe



Ja, Lesenlernen war eine schwierige Sache. Mit Sieben kamen wir in die Schule und konnten, im Gegensatz zu heute, wo überall Kinderbücher rumliegen, noch keinen Buchstaben. Von der Lehrerin bekamen wir das «Läsubüech», die Fibel. Keine Ahnung mehr, wie unsere Bücher damals aussahen, denn als Erstes mussten wir die Schulbücher (und oft auch die Hefte) «ifassu» (einbinden), dazu nahmen wir Packpapier, erst später konnten die Kinder mit der Mutter das «Ifasspapier» auswählen. Lesen gelernt haben wir Buchstabe für Buchstabe: einer der ersten war das «E»; im Lesebuch war eine Esel abgebildet und wir übten «E – E – Esel» (da wir bei uns nur zweibeinige Esel kannten, lasen wir zunächst «M – M – Mülti»), dann kamen wir zum Bild einer Laterne und lasen «L – L – Lampe». Item, nach 6 Monaten konnten wir es alle, manche recht fliessend, andere nur «stiglundo» (stotternd) sich dabei fast in die Hosen machend.

Gelesen haben wir als Kinder wenig, im Sommer auf der Alpe hatten wir ausser der «Bibil» und dem «Schott» (dickes Gebetsbuch) keine Bücher und im Winter war es früh Nacht und ohne Licht unmöglich. Als wir älter wurden, haben wir manchmal mit der Taschenlampe unter dem Bett versucht zu lesen, aber das ging nicht, wenn man zu Zweit oder Dritt im Bett lag. In den oberen Klassen hat uns der Lehrer immer am Samstag während einer Stunde vorgelesen; dabei sind wir begeistert in die Welt von «Robinson[1]» oder die von Jim Hawkins in der «Schatzinsel[2]» eingetaucht. Unserer Situation hat natürliche am besten die Geschichten des Lausbuben «Trotzli[3]» entsprochen, aber auch die Erzählungen von Heinrich Federer[4] haben uns sehr berührt.

Als Kinderbuch erinnere ich mich zu Hause nur an den «Strubilpeeter[5]», die Geschichten hatte bei uns eine besonders erzieherische Wirkung: noch heute tönt es in meinen Ohren: «Nein, diese Suppe ess ich nicht!» und sehe dabei den «Suppuchaschpaar» täglich dünner werden; vor allem sehe ich noch sein Grab mit dem Suppentopf oben drauf. Manchmal fiel uns auch ein zerfledertes «Miki Maus» oder «Fix und Foxi» in die Hände, die haben wir uns mit Begeisterung geteilt. Später haben wir dann mit den «Klassikern[6]» unsere «literarische Bildung» aufgepeppt. Mit Karl May sind wir in die Welt der Indianer eingetaucht, haben stundenlang das Anschleichen geübt oder mit den Nachbarskindern ganze Schlachten nachgespielt. Mit «Kara Ben Nemsi» und seinem Diener «Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah» haben wir die Welt des «Wilden Kurdistan» kennengelernt. Die älteren Leute lasen oft Liebesromane, mein Vater nannte sie «Schundromään», das Titelbild war meist in Rot gehalten und zeigte ein Liebespaar, (meist in bayrischer Tracht) innen waren die Seiten zweispaltig, deshalb nannten wir sie auch «Schmaalspurromään» und «ds Stiinuhanschrischti» soll mal, nachdem es den x-ten Roman beendet hatte, gesagt haben: «Wie doch der Herrgott dii Schicksaali so leitot

Lassen wir das! Im Sommer 1960 (ich weiss das so genau, denn es war die Olympiade in Rom, Hary lief die 100 Meter in 10.0 = Weltrekord und mein Onkel war Fernsehtechniker und ich konnte zum ersten Mal «Fernsee» schauen) war ich ein paar Wochen bei meiner «Gotta» in Zürich, hier habe ich im nahen Pfarrgemeindehaus eine Bibliothek entdeckt, und 1962 ist in Visp die Papeterie Julier abgebrannt, da hat meine Vater einen ganzen Berg leicht angesengte und nach Rauch riechende Bücher gekauft, und seither verschlinge ich alles, was mir in die Hände fällt.

Eines muss ich aber doch noch beichten (natürlich hast du das schon längst gemerkt): ich war ein hundsmiserabler Diktatschreiber, wenn ich jemand fragte, «Was kann man dagegen tun?» bekam ich immer die gleiche Antwort: «Viel Lesen!» Dass das nicht stimmt, bin ich der lebende Beweis! Legasthenie kannte man damals nicht und deshalb gab es sie auch nicht: «Wer nämlich mit «h» schrieb, war dämlich!»

Bürchen, 7. Juni 2020

Alle Texte unter: www.walliserdialekt.ch/blog

[1] Defoe: Robinson Crusoe [2] Stevenson: Schatzinsel [3] Scheuber Josef Konrad: Trotzli der Lausbub [4] Heinrich Federer: Vater und Sohn im Examen. Papst und Kaiser im Dorf. Berge und Menschen [5] Heinrich Hoffmann: Struwwelpeter. [6] Illustrierte Klassiker: Comix zur Weltliteratur, hier wurden klassische Werke (z.B. Ivanhoe, Odyssee, etc.) in Bildergeschichte nacherzählt)

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