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Hergotschtag


Bild und Geschichte 56

Der «Herrgotschtag» (Fronleichnam) war uns, natürlich neben «Wienächtu» das liebste Fest. Schon lange vor dem Tage begannen die Vorbereitungen; in «de Wildinu» sammelte man «Sefina» (gemeine Besenheide, Calluna (Erica) vulg., vgl. Id. 7/341) und trug sie «tschifrottuwiis» (Kratten voll) ins Dorf. In der «Müüsighalla» (Übungslokal der Dorfmusik, auch Theater und Versammlungsraum) sammelte man Berge davon, denn jede Familie war verpflichtet, ihren Beitrag zu leisten. Drei vier Tage vor dem Fest gings ans «Girlandu». Für uns Kinder war es von den schönsten Abenden überhaupt: es war das einzige Mal, dass wir gemeinsam mit den Mädchen «ausgehen» durften, da haben wir dann gemeinsam gesungen, «gidoorfot» und auch zum ersten Male versuchsweise unbeholfen «gschmalbaartot», (heute würde man sagen, geflirtet) und dabei natürlich hunderte von Metern Girlanden geflochten. Dazu nahm man «Hewwseili» und band mit Schnur dicht geflochten die «Sefina» darum. Am Vorabend wurde nun in jedem Weiler ein «Altaar» aufgestellt und mit diesen Girlanden verziert. (Fronleichnam ist ein katholisches Fest und findet 60 Tage nach Ostern statt, also frühstens am 21. Mai und spätestens am 24. Juni. An Fronleichnam wird die Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie gefeiert (Letztes Abendmahl) und da man das wegen der Trauer der Karwoche nicht am Gründonnerstag feiern konnte, hat man dieses Fest auf den Frühsommer verschoben. In einer grossen Prozession wir nun Christus in der Monstranz durch das Dorf getragen und in jedem Weiler der Segen erteilt). Alle Häuser wurden beflaggt und «leidi Egge» (hässliche Ecken) z.B. «Schwiistije» oder «Mischtheff» die auf dem Weg lagen mit frischen Birken oder Eschenzweigen abgedeckt.

Schon um 5 Uhr wurden wir durch Böllerschüssen geweckt und kurz darauf (wenn eine wichtige Person; Gemeinderat, Burgerrat, Venner, Hauptmann… in unser Nähe wohnte), hörten wir auch schon die Tagwacht: «Tätätätitä tatätterrata…» Und dann begann die Detailvorbereitungen; wir Buben, wenn wir nicht gerade als Messdiener für den Tag gebraucht wurden, waren das schmuckloseste des ganzen Anlasses. Den Mädchen hatte man schon am Vortag die Haar mit Zuckerwasser zu «Zapfulocke» gerollt und schon Tage vorher wurden ihre weissen Kleider zum «Lüftu üssgheicht» (sie wurden das Jahr hindurch in Mottenkugeln, dass «nit Molton drachunt» eingelagert), jetzt wurden die Mädchen zum «Chränzlinu» mit weissem Kleid und Haarkranz geschmückt; die Männer zogen ihre Uniformen an und nahmen ihr Gewehr aus dem Schrank, sie gingen zur Ehrenkompagnie und die Frauen zogen ihre Sonntagstrachten an. Natürlich erschienen die Musik und die Trommler und Pfeifer, die Jodler und die Bruderschaften alle in ihren Trachten und Uniformen, nur ein paar alten Männer und uns Buben drückte man ein «Bätti» (Rosenkranz) in die Hand, wir waren das gemeine gläubige Volk: fromm dahinzuschreiten und gleichzeitig dem Nachbar ein Bein zu stellen, war gar nicht so einfach!

Nach der Messe begann die Prozession, vorne die Trommler und Pfeifer, dann das Militär, dann das Allerheiligste (der Pfarrer mit der Monstranz) unter dem «Himmil» (Baldachin), getragen in der Regel von den Gemeinderäten und flankiert von der Ehrenwache, anschliessend die «Chränzlimeite», gefolgt von der Musik; es kamen die Trachtendamen und endlich wir Buben: «das gläubige Volk». Natürlich wurden auch sämtliche Fahnen (Gemeinde-, Vereins-, Bruderschafts-, Marienfahnen), die man im Dorf finden konnte, mitgetragen. Bei jedem Altar wurde getrommelt, gespielt, gesungen, geschossen und dann erteilte der Pfarrer den Segen. Zum Schlusssegen fanden sich alle wieder in der Kirche ein. Am meisten beeindruckt haben mich immer die Trommler; in der Kirche, wo man immer so leise sein mussten, sind sie stolz mit einem Riesenradau eingezogen; es kam mir vor, als hätten einige Trommler in stiller Freude extra stark geschlagen. Nach der Messe wurde auf dem Dorfplatz zu einem strammen Wirbel die grössten Fahnen geschwungen, dabei verteilten sich die drei grössten Fahnen im Fahnenmarsch auf dem Dorfplatz: zuvorderst die mächtige Gemeindefahne, dann, ein bisschen kleiner, die Fahne der Trommler und Pfeifer und zum Schluss der mickrige «Müüsigfano». Die Trommler begannen zu wirbeln und die Fahnen wurden über die Köpfe geschwungen, ein eindrückliches Schauspiel, das es so meines Wissens nur in Ausserberg gibt. Anschliessend ging es für die Männer zum «Trüüch», (der offizielle «Trüüch» war am Herz Jesu Sonntag nachmittags) die Frauen zum Mittagkochen, die «Chränzlini» mussten heim sich «ga Tiischu» (umziehen) und wir Buben liefen noch eine Zeit lang den Trommler und Pfeifer nach, die noch Ehrenmänner zurückbringen mussten; das Militär hat dann jeweils noch bis weit in den Nachmittag «geübt».

Im Lötschental und in Visperterminen wird das Ganze am darauffolgenden Sonntag, dem «Sägusunntag» (Segensonntag) in Ausserberg am «Häärzjesusunntag» (10 Tage später) wiederholt, wobei es in Ausserberg nur noch eine verkürzte Prozession zu einem Altar gibt.

Bürchen, 11. Juni 20; «Hergottschtag 2020»

Bild: Fronleichnam Ausserberg um 1958: Links, «Himil» mit dem Pfarrer Ludwig Weissen; rechts: Gemeindefähnrich flankiert von den zwei Ehrensappeuren und dem Kommandanten und dem Vize recht und links aussen.

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