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Chrüt schriit nit lüt!

Aktualisiert: Sept 10

Bild und Geschichte 46

Heimina "Guter Heinricht" Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Guter_Heinrich


«Kraut schreit nicht laut» sagte man, wenn beim Essen das Fleisch rar und das Kraut reichlich war und man schon kurz nachher wieder Hunger hatte. Neben dem Gartengemüse, wie «Riebli, Poretsch, Chabos, Raafe, Chrütstila, Blüemuchool, Ärbis und Bohne» hat man, mehr zu Abwechslung, auch mal sich in der Natur bedient. Beliebt war im Frühling der «Rämschfädrusalat», frische Blätter der «Schwiimeie» (Löwenzahn, Leontodon) wurden mit Salatsauce und gekochten Eiern zu einem feinen «Berg Rucolasalat» gemischt. Da der Löwenzahn auch ein Düngeranzeiger ist, fanden wir die schönsten und feinsten Blätter natürlich am nächsten beim Mist. Beliebt waren auch Suppen aus jungen «Nässje» (Brennnessel, Urticacea); hier musste man aber bei pflücken ungeheuer aufpassen, dass man sich nicht brannte. In der Alpe bekamen wir «Heiminusuppa» (Guter Heinrich, Blitum bonus -hericus), beide Suppen waren eigentlich gewöhnliche Gemüsesuppen und wir halfen uns, indem wir tüchtig «Chees igschnätzot» haben. «Heimina» war aber für uns auch ein Allerheilmittel gegen Nesselbrennen oder Insektenstiche: «Mit Heimina riibu, tüet d Schmäärze vertriibu»! Die Blätter des Sauerampfers (Polygonacea), die «Blachte» brauchten wir um den «Äicho» (Butter) einzuwickeln oder als Regenhut. «Arnikaschnaps» (Arnika, Arnica montana, Arnikablüten wurden in starken «Jännuschnaps» eingelegt) wurde als Allerheilmittel gegen Schwellungen, Beulen, Verrenkungen, Zerrungen, Krämpfe eingerieben. Bei den Walsern im Vorarlberg und Tirol habe ich dann den «Enziaan» kennen, aber nicht lieben gelernt. Ein bitterer Schnaps der aus der Wurzel des gelben Enzians (Gentiana lutea) gewonnen wird und im Paznaun 2013 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe eigetragen wurde), bei uns ist diese Pflanze sehr selten und wir haben ja den «Jännuschnaps». Bei den Walsern südlich der Alpen (Piemont und Savoyen) habe ich eine andere Spezialität angetroffen, den aus der Edelraute (Asteraceae) gewonnen «Tschenepi» (Genepi) kennengelernt. Man kennt diesen Schnaps auch am Simplon, aber unter dem französischen Produktenamen «Arquebuse», aber den Französischkenntnissen und der «rieder» Aussprache geschuldet, staunte ich nicht schlecht, als mein Jodelkamerad für alle «an Eggigi Büüsa» verlangte und wir ein Glas Genepi bekamen.

Beim Heuen in der «Milachra» schritt meine Mutter als erstes immer auf den «Hubol» (er konnte nicht bewässert werden, hatte also den Bewuchs der Walliser Bergsteppe) und pflückte ein grosses Büschel «Chella» (Thymian, Thymus) mit dem bereitete sie einen grossen Kessel Tee zu. Auch mit «Hälfe» (Hagebutten, Früchte der Heckenrose, Rosa corymbifera) und den Blüten des «Holunder» (Schwarzer Holunder, Sambucus nigra) machte man Tee, die mussten man aber zuerst trocknen. Die beiden Früchte waren auch begehrt für Konfitüre und über den Holunder haben sich Mann und Frau manchmal gestritten: gibt es nun Konfitüre oder Schnaps.

Als Hirte bei der «Schlossmari» habe wir in der «freien» Zeit «Frowwu- und Silbermäntil» (Frauenmantel, Alchemilla; Silbermantel, Alchemilla alpina) gesammelt, die wurden dann getrocknet und wenn genug zusammen war, in grosse Säcke verpackt und irgendwohin in die Deutschschweiz verschickt; das war ein schöner Nebenverdienst und Ende Sommer wurde auch ich mit 5 Franken für meine Dienste entschädigt.

Meine Mutter benutzte die Brennnesseln auch als Heilmittel gegen Rheuma, wenn sie irgendwo einen saftigen, frischen Nesselbusch sah, ging sie schnell hin und verbrannte sich den schmerzenden Arm, die Hüfte oder Schulter; der Therapie konnte ich nichts abgewinnen; ich fand, einmal tüchtig mit dem Hammer auf den Finger hauen, hilft für den Moment ebenso gut gegen den Rheumaschmerz. Neckend frage ich sie: «Was hilft am besten gegen Zahnweh? – Einfach den Mund mit Wasser füllen, sich auf die heisse Herdplatte setzen und warten bis es siedet!»

Bürchen, 28. Mai 20

Bild: Heimina, Guter Heinrich

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