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Wele Häärpfil!

Bild und Geschichte


Das ist nicht unser Keller, eine solche Sauordnung hatten wir nie! Was mich an diesem Bild interessiert sind einerseits ds Tablatt (Ablagegestell; darüber berichte ich dann ein andermal) und die Häärpfiltola (Kartoffelgrube). Sie gab es in jedem Keller, hier wurde das Grundnahrungsmittel par excellence aufbewahrt, so an die 100 bis 200 Kilo war normal. Als die Kartoffel im 18. Jahrhundert als Nahrungsmittel in Europa eingeführt wurde, ergänzte sie rasch die auf Getreide basierende Grundernährung und machte die Bevölkerungsexplosion im Zusammenhang mit der Industrialisierung erst möglich. Missernten (Kartoffelpest 1845; Vulkanausbrüche: Tambora 1815, Krakatau 1883) führten automatisch zu Hungernöten und zu Auswanderungen; wobei Auswanderungen oft (wie wier säge) vom «Regen unter Umgehung der Traufe direkt in die Scheisse» führten (schon wieder eine andere Geschichte).

Die Kartoffeläcker waren im Gegensatz zu den Getreideäcker oft auch im bewässerbaren Bereich der Gemeinde und so alle 4 Wochen verkündete der Herold am Sonntag nach der Messe: «am neegschtu Ziischtag ischt Acherwasser» (am nächsten Dienstag können die Kartoffeläcker bewässert werden). Im Frühjahr wurden die Äcker umgegraben (ghowwot, s.d.), dann die Kartoffeln gepflanzt (vgl. Häärpfilstecku), (Mein Nachbar rief mir mal zu: «Steck schi de nit z teif, suscht finscht schi de im Herbscht nimme!»); war das Kartoffelkraut (Häärpfilchrüt) so 10 bis 15 cm. hoch, wurden die Kartoffelreihen gehäufelt (züemachu); im Herbst welkte das Kartoffelkraut, es wurde abgeräumt und die Kartoffeln gegraben. Mit einer spitzen Haue (Howwji) grub man quer zum Acker einen Graben, er musst tief genug sein, damit die Kartoffeln nicht beschädigt (zerschlaani) wurden. Hinten waren zwei Tschifre, so konnte man sie gleich in Gross (Ässhäärpfil) und Klein (Schwiigagle) sortieren. Die Kartoffeln wurden nun in Jutesäcke (Häärpfilseck) abgefüllt und so viel das Platz hatte, wurde im Keller in der Häärpfiltola gelagert. Wir hatten aber zusätzlich in der Fuxschlüecht noch eine Grube, dort wurde ein Teil der Ernte über Winter gelagert: die Grube wurde bis ca. 50 cm unter dem Rand gefüllt, dann wurden die Kartoffeln zuerst mit Stroh und dann mit Erde abgedeckt. Im Frühjahr, wenn der Schnee weg war, mussten wird Kinder diese Kartoffeln mit dum Wägi (einachsiger Pritschenwagen; aber das ist schon wieder einen eigene Geschichte) Sack für Sack holen.

Die Kartoffel war ein Grundnahrungsmittel und kam praktisch jeden Tag ein oder mehrmals auf den Tisch (bei meiner Frau, als Freiburgerin, sogar zum Frühstück), sei es als Beilage: Gschwellti, Saalzhäärpfil, Häärpfilstock, Braathärpfil, Gratä oder als (und das sehr oft) als Hauptmahlzeit: Speck-, Käse-, Kräuterrösti, Gribraatne Häärpfilstock, Häärpfilsuppa). (Habt ihr schon mal Heiminuröschti gegessen?)

Und nun: lasst die Kartoffeln nit la cheischte, geht ans Kochen!

Jetzt bin ich euch noch den Titel schuldig: welle Häärpfil nannten wir einen ungeschickten uncharmanten Knaben oder jungen Mann - also oft auch mich!

Bürchen, 8. 4. 20

Vgl. www.walliserdialekt.ch

PS. Unsere Kartoffeln waren zum Glück nicht so gross, denn es heisst ja: di tummschtu Püüru heint di greegschtu Häärpfil!

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