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Tängillu



«Ding, ding, ding» noch immer kling es in meinen Ohren, das rhythmische klingen des «Tängillu» (Dengeln). Immer am Vorabend rammt der «Meder» seinen «Tängillustock» in den weichen Boden, (vor unserem Hause war auf dem Vorplatz in einer Ecke im Sommer einer gleich fix montiert), setzt sich den Stock zwischen den Beinen auf den Boden, legt die «Sägessa» (Sense) mit der «Scherffi» (Schärfe, Schneidfläche) auf den Dengelstock. Mit der rechten Hand greift er zum «Tängilhammer», tunkt ihn ins Wasser – rechts neben sich hat er eine Kaffeetasse mit Wasser hingestellt – und nun beginnt er zu hämmern. Schön sachte schlägt er mit dem Hammer auf die stumpf gewordene Schneide und flacht sie so auf ca. fünf Millimeter aus, damit wird sie wieder scharf. Es ist eine Arbeit mit Geduld und Sorgfalt, denn schlägt er zu stark oder zu ungezielt, beginnt sich die Schneide zu «spänggu» (reissen) und eine Sense mit einem «Hick» oder «Chlack» (Riss oder Lücke) ist für lange Zeit ruiniert. Je nach Tiefe des Risses dauert es lange Zeit bis dieser «üssgwetzte» (ausgeschliffen) ist. Immer wieder benetzt er den Hammer, um das Metall kühl und geschmeidig zu halten. Muss er während dem Mähen «naatängillu» (nachdengeln, nochmals dengeln), fehlt ihm natürlich diese Tasse, also spukt er jeweils auf den Hammer und damit er genug Spuke hat, muss er natürlich am Morgen die grosse «Batilla» rüsten.

«Güet gitängillot, ischt hab gmeet» (Gut gedengelt ist halbe gemäht) ist eine Variation des bekannten Sprichworts «Güet gladu, ischt halb gfaaru», das uns besagen will: Eine Arbeit gut begonnen, ist schon halb erledigt (vgl. https://www.walliserdialekt.ch/sprichwoerter-redensarten). Beim Mähen trifft das voll und ganz zu, wer einmal mit seiner stumpfen Sense in der «Alcha» stand oder versuchte «Faxe» (beides sind Wildgräser, Binse?) abzumähen, kann das voll und ganz bezeugen. Langsam, gleichmässig und fliessend ziehen die Mäder in einer Reihe ihre Sense durch das Gras. Wir Knaben zogen als Rechtshänder von rechts nach links, mit einem gleichmässigen Schwung, schnitt man einen ca. 80 cm breiten, 10 – 15 cm tiefen, vorne halbrunden Streifen ab und links (meist unten) entstand ein gleichmässiger «Mado» (Schwaden). Gleichmässig frassen sich nun in gestaffelten Reihen die Mäder durch die Wiese. War einer allein, schnitt er zunächst eine Reihe in das ungemähte Gras und auf dem Rückweg entstand dann ein «Doppilmado». Mein Vater hat sich in der «Millachra» im «Bodo» immer einen Spass daraus gemacht mit schönen «Doppilmade» eine Schnecke zu mähen. Das war eine Pracht anzusehen, mühsam aber für die «Zetter», die dann das Grass wieder zurück in die Ecken «verzettu» (verstreuen) mussten.

Bald mal war aber die Sense stumpf, dann musste man «Wetzu». Der Mäher stellt ein Bein gebeugt zum Hang, legte den «Woorb» (Sensestiel) die Schneide gegen sich nach oben auf sein Knie, griff nach hinten ins «Wettzsteifass» (Wetzsteinfass) nahm den «Wetzstein» (Wetzstein, fischförmiger, weicher Stein) und schliff «ritsch, ratsch, rischt, ratsch…» die Schneide neu. Natürlich auch das «Wetzu» musste gelernt sein, war man zu flacht, fruchtete es nichts, war man zu steil, war die Sense am Ende noch stumpfer; aber wenn vorne bei jedem Streich das Gras wieder aufstand, lernte man das rasch. Natürlich versuchte man auch bei dieser Arbeit sich gegenseitig zu «tratzu» (necken), die Anfänger schickte man in die Binse (daher auch die Redensart), oder man versuchte sich gegenseitig «üsszmeeju» (ausmähen, man stand plötzlich in einer ungemähten Insel und schämte sich furchtbar) oder man bekam (galt nur für Anfänger, denn jeder hatte seine eigene, persönliche Sense) eine «entspannti» (die Spannung verloren) Sense. Item, froh war man jeweils, wenn die Wiese(n) gemäht und man nach Hause Frühstücken gehen durfte. Manchmal war aber das Gras beim «Aamatt» (Emd, Zweiter Schnitt) so kurz, dass ein Mäder den anderen fragen musste: «Bischt du da schoo gfaaru, suscht faar ich?»

Bürchen, 1. Juni 20

Bildquelle: Julen, Klaus / Oswald Perren: Ein vergessene Welt. Die Berglandwirtschaft in Zermatt. Rotten Verlag, Visp, 1998.

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