Suche
  • volmar.schmid

Personenfreizügigkeit

Aktualisiert: Sept 28


Bild und Geschichte 58

Meine Mutter stammte aus Baltschieder – eine Fremde in Ausserberg, unerhört! Man schrieb den Ostermontag 1944 als sie sich mit einem Ausserberger verheiratete und so das Ausserberger Burgerrecht erhielt. Zwar existierte die Personenfreizügigkeit schon seit 1848 in der Schweiz, sogar zwischen den Kantonen, aber Fremde wurden immer noch nicht gern gesehen: die nahmen einem die Arbeit und hier sogar begehrte Junggesellen weg. Schon das «Kcharisierru» (Brautwerben) war eine langwierige und gefährliche Angelegenheit: in der Alpe, wo man gezwungen war, aus verschiedenen Dörfern zusammenzuarbeiten, ging es ja noch; aber dann zu hause, da hörte der Spass auf. Mein Vater wurde in Baltschieder, auf Freiersfüssen wandelnd, zwar nur zwei Mal verprügelt, aber das auch nur, weil er sich auf Schleichwegen dem Hause seines zukünftigen Schwiegervaters näherte. Natürlich versuchte meine Mutter sofort, nachdem sie sich in Ausserberg niederliess, sich zu assimilieren - doch fremd, bleibt fremd! Es gelang ihr nie, die Sprache der Einheimischen anzunehmen; zeitlebens blieb sie bei ihrer Sprache und verriet sich, wenn sie nur den Mund aufmachte, als Fremde! Immer wurde sie wegen ihrer Sprache gehänselt: die Kinder riefen ihr spottend nach: «Mit der Schääri an de Zääwe der Chääs chratzu», sie brachte einfach das einheimische «ee» in «Chees» nicht her; auch das «a» im Anlaut der Ausserberger Sprache gelang ihr nicht: Fragt der Lehrer in der Schule: «Ein Wort mit A!» «A-rraru» bekommt er zur Antwort, «A-rrichtig, A-rrudi»! Natürlich hat sie das wunderschöne, tief im Rachen feinrollende, krachende «R» auch nie geschafft. Immer wurde sie darauf aufmerksam gemacht, dass man das hier «soo!» und nicht «soo!» macht. Und natürlich musste ihr «Trachtuforscher» (Trachtenschürze) leicht einen anderen Farbton haben, als üblich und der «Tschubil» (Dutt) war sicher am Ende noch nach links gedreht. Zum Glück war sie wenigsten katholisch, aber ob sie immer zu den gleichen Heiligen gebetet hat, bin ich mir nicht so sicher. Nein, sie konnte sich nie assimilieren, hat es sogar gewagt, mitzubestimmen, - und dann die vielen Kinder! 17 Jahre haben die Ausserberger gebraucht, um sie nach Visp auszuschaffen!

Bürchen, 23. Juni 20

Bildquelle: Baltschieder. Am rechten Bildrand, Mitte, beginnt der Schleichweg hinüber zum "Rootu Tschuggo"

18 Ansichten1 Kommentar

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Der Toote im Dischtil

Z hindroscht im Saasertelli, waas de ambrüüf geit gägund du Monte Moro geit ischt hiitu der grooss Matmarkstausee. Da ischt ammaal a flotti Alpa gsii, di Dischtilalpa. D Sännerine heint de Chie glotze

Di tooti Hand (Sage)

Ein weiteres Beispiel aus dem Sagenschatz von Felix Schmid Z Vischp het a Müetter as Chind bercho, as süüpärts Mämmi, ds wägschta, wa aswe giboru siigi, het d Müeter gmeint. Vam eerschtu Tag a hetsch

Wenn d Mieda mit dum Tschollo

Wenn d Mieda mit dum Tschollo… Scheinbar kennen die Eskimos vierzig Wörter für Schnee – Hut ab, vor soviel Sprachvielfalt. Was die Sprachvielfalt angeht braucht sich der Walliser auch nicht zu verstec

volmar.schmid@bluewin.ch +4127 923 93 35 / +4179 753 49 84

  • Facebook Social Icon
  • Twitter Social Icon
  • LinkedIn Social Icon

©2019 by www.walliserdialekt.ch. Proudly created with Wix.com