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  • volmar.schmid

Nimmscht öü an Schluck?

Bild und Geschichte




Da sind doch drei Gegenstände auf dem Bild und zu jedem habe ich euch eine Geschichte versprochen; nun: «versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen» wie ich zu meinen Enkelinnen sage. Ich nehme ich heute den Gegenstand links, den Triel (Weinpresse; erst bei einer kurzen Internetrecherche habe ich festgestellt, dass «Triel» auch eine Vogelart ist.) Wir haben das Wort übrigens immer mit weichen «D» ausgesprochen, also Driel und drielu. Hier handelt es sich um ein kleines Hausmodell, die gemeinschaftlichen Triele (z.B. in Törbel oder Ausserberg) waren riesige, gemeinschaftlich betriebene Geräte, für die es einen eigenen Raum brauchte. Sie bestanden aus einer über 2x2 Meter grossen Pressfläche, aus einem mehr als Meter dicke Lastbaum und einer oberarmdicken hölzernen Schraubwinde. Doch ich greife vor, wenn ich von drielu rede sind wir ja schon am Ende der Weinproduktion, da bleibt fast nur noch das Trinken.

Nie, nie wollte ich Reben erben, zu oft habe ich in staubiger Erde an heissen Junitagen beim Jäten geschwitzt, zu vielfältig und aufwändig war mir die Arbeit im Rebberg.

Nur wenige Ausserberger hatten ihre Reben im Dorf, es gab da den Gloggner und der Huppiner, immerhin auf fast 1100 Meter über Meer. Aber das waren wiggusüüri Tropfen, die einem das Hemd tüchtig reingezogen haben. Die meisten besassen ihre Reben in St. German, immerhin eine gute halbe Stunde Fussmarsch. Die erste Arbeit war das Schneiden; geschnitten wurde grosszügig auf Stock, mit in der Regel vier Trieben mit zwei Augen (so blieb etwas Reserve für allfälligen Frost oder wenn man beim Jäten unvorsichtig Stösse abschlug. Das Schniidu war die einzige Arbeit in der damaligen Landwirtschaft, die mir mein Vater nicht gestattete, zu heikel war sie. Dann musste man, vor Zeiten der Reblaus «Faaru», d.h. man liess in der letzten alten Reihe einen Trieb vom Vorjahr stehen und grub ihn die Erde ein und zog so einen neue Reihe, wenn das Saarmänt (Rebreisig) neu Wurzeln geschlagen hatte, wurde die Verbindung durchtrennt, die alten Reben ausgegraben, da kam dann das nächste Jahr wieder eine neue Reihe hin. Als die Reblaus auch ins Wallis kam (ab 1916) starben ganze Weinberge ab, zum Glück fand man eine Lösung, man Pfropfte die eigenen Rebsorten auf eine reblausresistente Unterlage auf (Amerikaaner) und konnte so die Weinproduktion retten. Aber noch in den Fünfziger haben in St. German viele Kleinbauern ihre Rebberge durch «Faaru» erneuert.

Die nächste Arbeit war das Foltru, hatte man beim Schniidu mehr Augen als nötig belassen, musste man jetzt die vorigen Triebe ausbrechen; dann mussten die Reben von Zwischenstössen befreit und gebunden werden, dann kam das Köpfen und Auslauben: die wachsenden Trauben brauchten Licht.

Und immer wieder musste man Jättu, d.h. den Boden lockern von Unkraut befreien, eine schweisstreibende, mühsame, dreckige Arbeit – ja, nachgerade eine Sisyphusarbeit, denn das Unkraut wuchs einem, wie wir sagten «hinner dum Fittlo», wieder hoch. Wer einmal so richtig den Wurzeln der Ackerwinde nachgegraben hat, der weiss, von was ich rede! Scheinbar gehörte es zur persönlichen Ehre des Weinbergbesitzers, die Reben immer blitzblank zu halten. Ihr könnt euch vorstellen, wie ich mich geärgert habe, als kurz nachdem ich nicht mehr zu jäten brauchte, ringsum die Gründüngung aufkam.

Immer wieder musste man die Reben vor allem gegen Mehltau spritzen, dabei wurde grosszügig Bordeauxbrühe angemischt, so dass die Rebberges so richtig grünblau schimmerten.

Die hauptsächlichste Rebsorte war der Gwäss, ein saurer, aber durstlöschender Weisswein; daneben gab es den Landroten (heute Cornalin), immer hatte man auch etwas Muskateller um den Weisswein doch etwas trinkfreundlicher zu machen. Später pflanzte man als Weissen vor allem Chasselats, (Fendant) und Groorä (Gros Rhin oder Johannis) und als Roten den Gamay und Pinot Noir.

Je nach Sommer musste man zwischendurch noch ein bis zwei Mal bewässern. Und dann endlich, im September kam die schönste Arbeit: ds Wimdu. Die schönsten Trauben hat Mutter immer als Ässtriibla (Tafeltrauben). Die Trauben wurden in Kesseln gesammelt und dann in Bränte geleert, damit mehr Platz hatte, wurden sie schon mal zerstampft (gitrosot). Je zwei Bränte wurden auf ein Maultier geladen und ab gings nach Ausserberg. In der Regel hatte man drei Fässer, in das erste kam der Weisswein, er wurde nicht süss gepresst, wie es heute der Fall ist, sondern mit samt den Beeren und Stielen (Grappolle) ins Fass geleert, ins zweite kam dito der Rotwein, man hat nicht nach Traubensorten gesondert gekeltert, (wir hatten nur Cuvée!). Waren beide Fässer voll, kam der Rest, ob Weiss oder Rot ins dritte Fass, das gab dann einen Roséwein, den Schiller. (Churerschiller wird heute noch auf die gleiche Art produziert und ist eine Spezialität). Nun begann der Wein auf dem Trester zu siedu (gären) und nach drei Tagen gabs den ersten Süüser (Sauser). Wenn er dann versottne war (vergärt) konnte man den jungen Wein trinken. Eigentlich hätte man ihn jetzt Abziie (vom Trester entfernen) sollen, aber, wie eifrig und pflichtbewusst sie im Rebberg waren (da gseent sus d Lit), um so nachlässiger waren sie bei der Kellerarbeit. Es gab welche, die haben ihren Wein schon direkt ab dem Trester versoffen und als ihnen dann der Wein (als Lebensmittel) fehlte, haben sie Wasser und Zucker nachgefüllt und diese Masse nochmals gären lassen, diesen Wein nannten wir Pigge: ein grausam bitteres Gesöff. Spätestens als es Zeit war den Trester zu Schnaps zu brennen, haben auch die Letzten ihren Wein vom Trester entfernt und jetzt erst kam das Drielu. Der Trester wurde in den Triel geschaufelt und dann wurde die letzte Flüssigkeit herausgepresst, der verblieben Trester kam dann in du Brähafo zum Schnaps brennen.

Der Wein für den täglichen Gebrauch wurde direkt ab Fass gezapft, damit aber auch unten an der Spiina etwas herauskam, muss man oben Luft zugeben, also hat man das Spundloch jedes Mal geöffnet und am Schluss wieder mit einem Holzzapfen verschlossen. Ja und wenn der Wein Luft bekommt, weiss man ja, was passiert; um den immer stärker werdenden Böxer (Böckser) zu bekämpfen, liess man den Wein über Kupferbleche fliessen oder hat ihn mit Eiweiss aufgemischt; aber den Luftgeschmack und die braune Farbe brachte man nur noch durch Trinken weg.

Beim Privatwein galt die Grundregel: bis März, April war er spritzig und süffig, nachher nur noch furchtbar! Als mich einmal ds Gillujoosi zu einem Glas einlud und mich nach meiner Meinung fragte, habe ich recht skeptisch die Miene verzogen, da gab er mir eine grundsätzliche Antwort: Äss geit nit um güete oder schlächte Wii, äss geit drum: het mu Wii oder het mu kchei Wii!

Bürchen 16. 4. 20

Bild: St. German beim Wimden, meine Mutter, mein Vater, mein Bruder Adrian

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