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Der Geissusüüger[1]



In Reckingu heintsch, wie in vile andre Ortu, d Üffgaab vam Geisshietu dum a Hirtji ubertreit. Jede Tagg het das Hirtji di Geisse am Moorgu abgholt und am Aabu stolz wie an Chinig im Geissucheer schi der ds Deerfji gitribu und de de Bsitzer zrugg gä. Äss ischt as stolzus Amtji gsii und nit jede het der Poschto percho. Ver d Alpa, wasch di Geisse ghietot heint, hets an klaari Organisatioo gää. Di Geisse heint nit appa irgent a swaa chännu weidu, di wäägschtu Alpweide sind fer ds Chüevee vorgseeni gsi, daa heint di Geisse nix verlooru; di Geisse heint d mindru und stotzunderi Häng percho. An Alpvogt het uber di ganzi Sach gwachot und ischt soo der Scheff vam Geisshirtji gsii. Der Poschto vam Geisshirtji ischt immer seer bigäärte gsi, de näbum Ässu und Triichu, (ier kchännet sich vam Brantschi[2] ds Lied: «… tüe miis Täschi nit verbäärgu, Chees und schwaarzus Broot ischt dri und as Fläschi Milch derbii!») hets ändi Summ er immer öü no an chleine Loo ggä.

Eis Jaarsch emmal het dische Poschto ds Lamuschisch Stäffisch Hans percho. Äss ischt an junge, kräftige Purscht gsii, wa vorr nix het Angscht kcha; sämtlichi Boozugschichte het är kchännt, und daa het är numma glachet; an psundri Freit het är an Häxugschichte kcha, aber dass ischt an andri Gschicht! – nit darum het är du Poschto percho, är het nu percho wäggs schiiner Mütter ds Lamuschisch Stäffisch Wittwa Anna; schii ischt di riichschti Froww vam ganzu Deerfji gsii, mit rächt Haar uff de Zänt. Ds halb Deerfji ischt va ira abhängig gsii und d anner Hälft het de jaa kcheis Gschirr zwischunt ira wellu laa verschlaa. Stolz ischt das Hirtji jede Tag ga di Geissi isammlu und ischt mit ine a wägg, mit holum Rigg hett schi är am Aabunt wider zrugggibrungu. Ds afangsch iss as bleichs Tschüüderli gsii, aber im Verlöüf vam Summer het är schich immer besser zwägglaa, di Baggini sind immer reeter wordu, ds Gsicht roosiger und ds Kärli fülliger. Mit der Ziit heint aber di verschittnu Bsitzer afa reklamierru, di Geiss heint eifach zweenig Milch ggä. Laat das Hirtji dii nit gnüeg la Frässu, hetzots schi umanand oder am Änd – tüets ächti gratt no di Geisse süügu. Soo, daa müess eppis gaa! Der Gmeiraat het schich afa biraatu, wass chänn wer daa machu, diräkt zer Anna heintsch nit tärfu, vor dera heintsch z vill Schiss kcha und du Botsch, z Stäffisch Hans, chännuntsch ooni Biwiis öü nit packu und bistraaffu chänntsch ja numm eine, wa schiini Schult züegitt, und dass chännuntsch mit dum Hans schlicht vergässu. Na langum Hin und Härr, heintsch düe, dii Feiglinga, di ganzi Sach dum Alpvogt ubergä, är selle das Giständnis bim Geisshirtji ga holu.

In ar rächt verschissnu Laag isch är daa gsi, der Alpvogt. An Schutz het är studiert, wie är das chänti agattigu. De het äär an Idee kcha: am Aabund naam Geissucheer, het är dum Hans grieft, är miesse mu no eppis wichtigs säge. Der Hans isch cho ga lose: «Los Hans, du bischt ganz an wichtigi Pesoo in iischum Deerfji, machscht d Aarbeit fascht güet. D Liit heint mer aber gseit, mu chänne di Geisse am Aabund fascht nit mälchu, schii heigi soo herti Ütter. Hans, chänntischt du nit tagschuber di Ütter kontrollierru und dene wa ds herti sind, am Bitz Milch abmälchu oder absüügu!» De meint der Hans ganz stolz, lüt und titlich, soo dass sus dii dernäbu kcheert heint: «Aber dass machi doch schoo, de soll i di Geisse no as bistzji mee süügu?»

Brig, 3. März 2021

Simultantext und Audio: hier

Bildquelle: Reckingen um 1920, Ludwig Imesch: Das Oberwallis im Bild. Bd. 2, 1919 - 1945, Rottenverlag, Visp, 1980, S. 10

PS; Reckingen ist ein sehr schönes, typisches Gommerdorf, absolut sehenswert ist die barocke Kirche aus dem Jahre 1745; in trauriger Erinnerung bleibt das schrecklich Lawinenunglück von 1970 mit seinen 30 Opfer. In den letzten Jahren haben kulturinteressierte Reckingen einen schönen Erlebnispfad errichtet, auf einer mittelschweren Wanderung von 3.5 Stunden kann man viel Natur, eine Mühle, eine Säge, ein Glockengiesserei, eine Kapelle, einen Stadel etc. besichtigen.



[1] Nach: Walliser Sagen. Historischer Verein von Oberwallis. Erster Teil, DOGMA, Bremen, 2013, S. 93 f. [2] Gregor Brantschen: 1894 – 1975 erster walliser Mundartliederkomponist aus Randa/Zermatt, von ihm stammen die unvergesslichen Lieder «Das Lied vom Hirtenknab», «Der Geissbüeb», «Mis Heimatdörfli» …

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