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Das Wandern ist des Müllers Lust?

Bild und Geschichte 39


«Das Wandern ist des Müllers Lust.» Denkste! Das Lied haben wir als Kinder oft gesungen und nie begriffen! Wie konnte man am Wandern Lust haben, denn der ganze Alltag war ein einzig «Herumsecklu», dauernd musste man «Wandru»: der Weg war nicht, wie heute, das Ziel, sondern man war auf dem Weg zum Ziel und dort begann dann die Arbeit, das «Howwu», «Häärpfilstecku», «Meeju», «Hewwu», «Wässerru», «Chooruschniidu», «Hirtu» und «Hietu»… Beim «Hietu» (auf der Weide das Vieh hüten) musste man sogar während der Arbeit laufen. Wir mussten ohne Hütezaun das Vieh durch ständiges «Werru» (Wehren) in der «Etzi» (Weidfläche, -ration) halten und dazu hiess es mindestens auf zwei Seiten rund herum laufen und dem Vieh wehren – wehe, wenn eine Kuh auch ein Stück vom Nachbar frass. Und beim «Mischt träägu» war das Laufen die Arbeit. In die Alpe ging es 3 Stunden und wenn uns am Sonntag ein Familienmitglied besuchen kam, nahm er die 5 Stunden «Wanderung» nicht zum Vergnügen unter die Nagelschuhe, sondern er brachte uns Nachschub (Reiss, Teigwaren, Polenta, Lampenöl, Salz, Zucker und immer auch ein frisches Weissbrot). Für den Schulbesuch in Visp, lief ich morgens runter nach Baltschieder und fuhr dann mit dem Velo nach Visp und abends das gleiche wieder zurück! Nein wahrlich, Wandern ist eine Erfindung der Städter, dazu braucht es Bewegungsdrang und Musse: die Bewegung hatten wir und die Musse fehlte uns. Mein Nachbar in den Achtzigern war ein begeisterter Biker, aber sein Vater sagte immer wieder kopfschüttelnd: «Statt daa umenandre z stramplu, chäntischt doch öü in du Gaartu, daa hescht Biwegig»

Sport war etwas absolut Überflüssiges und zudem hatte man dafür gar keine Zeit. So waren wir zwar ausdauernde und zähe Gebirgsgänger, aber sonst absolut unbeweglich Trottel. Mitten im Krieg stellte man diesen Missstand bei der Aushebung (bim Loossu) fest und richtete den Militärischen Vorunterricht und die Turnstunden in der Schule ein. Und so kamen auch wir zum Turnen. Ich erinnere mich an die dritte Klasse: die Mädchen hatten immer Handarbeit («Lismu und Bietzu») und wir Turnen. Da es aber keine Turnhalle gab, benutzten wir eine ebene Wiese oberhalb des Dorfes; da diese Wiese entweder frisch gemistet, schneebedeckt war oder es schneite oder regnete oder «Chatze haglot» und im April durfte man die Wiesen grundsätzlich nicht betreten, haben wir meisten gerechnet. Zwei Mal sind im wir Verlaufe dieses Schuljahres Turnen gegangen: vorne der Lehrer in Krawatte und Kleidung, den Hut auf dem Kopf und die Pfeife im Mund, dahinter wir Schüler, schön aufgereiht und ausgerichtet, dann hiess es «die Arme zu Hochhalte, die Knieen beugt!» Was mir von diesem Turnen am meisten geblieben ist, ist die «preussische» Ausdrucksweise der Befehle (aber unser Lehrer hatte ja noch den Aktivdienst im Ersten Weltkrieg mitgemacht). In späteren Klassen haben wir diese Übungen, auch noch selten, aber auf dem Dorfplatz durchgeführt, sogar Skitage hatten wir; meist im «Raft» (Alper oberhalb Ausserberg) und einmal sogar in Unterbäch, dort gab es seit den Fünfzigern einen Sessellift. Morgens um 7 Uhr sind wir in Ausserberg abmarschiert; die Skier und Stöcke auf dem «Buggol», die Zwischenverpflegung im Rucksack, in Turtig haben wir dann die Luftseilbahn genommen, und konnten bis 4 Uhr abends herrlich Skifahren, dann gings wieder runter nach Turtig und zu Fuss zurück nach Ausserberg – unvergesslich!

Der «Vorruntericht» unterstützte Jugend- und Turnvereine, so wurde auch in Ausserberg ein KTV (Katholischer Turnverein) gegründet (dem ETV durfte man ja nicht beitreten, denn wir haben erst viel später bemerkt, dass das «E» für «eidgenössisch» und nicht «evangelisch» stand) und so hat mein Vater ein Verbandsfest mit Wettkampf in Ausserberg organisiert. Natürlich hat er mich (ich glaube ich war in der 4. Klasse) auch zum Wettkampf angemeldet. Es gab einen Fünfkampf: Ballwurf, Kugelstossen, Schnelllauf, Weit- und Hochsprung. Werfen konnte ich, den wir hatten ja oft die Gelegenheit zum «Ggufru» (Steine werfen), aber den Rest hatte ich noch nie gemacht: die Kugel habe ich mir fast auf die Zehen geschmissen, beim Schnelllauf waren die anderen schon fast 10 Meter weit, bis ich nur reagiert habe; aber der Höhepunkt war der Hochsprung: die Latte war auf 50 cm gestellt und die Landung wurde durch Sägemehl gedämpft, nach jedem Sprung fiel die Latte und, ich weiss auch nicht warum, das Publikum lachte; aber noch drei Tage nachher hatte ich Sägemehl in meinen Haaren und Ohren. Berufssportler gab es damals noch nicht, sonst hätte ich schon damals gewusst, was ich einmal sicher nicht werden würde.

Bürchen, 14. Mai 20

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